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Erdgasantrieb: Smart in der Stadt

Bei TKD in Bochum lässt man sich einiges einfallen, um die Anforderungen der Kommunen zu erfüllen. Schon lange setzt man auf Erdgasantrieb, neuerdings auf Mikrodepots und Lastenräder.

Ein kluger Zug: Morgens nimmt der Erdgas-Daily einen Anhänger als „Mikro-Depot“ mit. | Bilder: TKD; J. Reichel
Ein kluger Zug: Morgens nimmt der Erdgas-Daily einen Anhänger als „Mikro-Depot“ mit. | Bilder: TKD; J. Reichel
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Redaktion (allg.)

Die Not macht erfinderisch: Als die Leute vom TKD Kurierdienst sich mit der rigiden Einfahrtsbeschränkung der Stadt Hagen in die Fußgängerzone konfrontiert sahen, musste man etwas tun. Die Regeln sahen vor: Anlieferungen nur bis 9:30 Uhr, danach keine motorisierten Fahrzeuge. Nach 9:30 Uhr? „Vor zehn Uhr macht kein Geschäft auf, wie sollen wir da zustellen?“, meint TKD-Prokurist Stefan Kube.
Doch es kam noch kurioser: Die Möglichkeit, von einem Lastenrad Gebrauch zu machen, unterband das Verbot von „kettenbetriebenen Fahrzeugen“. Wo man sonst eher an „Panzer“ dachte, waren hier auch Fahrräder und damit ebenso Lastenfahrräder gemeint. Was tun? So kamen die TKD-Leute auf die Idee mit dem Tret-Lastenroller. Ein solches Vehikel hatte TKD-Chef Hans-Peter Exner auf einer Intralogistikmesse entdeckt, bei Toyota Material Handling. Die findigen Logistiker konstruierten eine imposante Riffelblechbox auf das dreirädrige Gefährt und fertig war die fußgängerzonentaugliche Lieferlösung, „Hagen-proof“.
Nicht ohne Stolz zeigt der findige Organisator ein Youtube-Filmchen, in dem sein Zusteller mit seinem Lastenroller direkt bis an die Kassentheke eines Geschäfts fährt. „Klar, das macht er nicht jedes Mal, aber mit einem ‚P80‘-Zustellfahrzeug geht das jedenfalls nicht“, meint Kube lachend.

Es sind viele kleine Innovationen des Alltags, die das 1982 gegründete Unternehmen auszeichnen, das Hans-Peter Exner von der Pike auf, damals noch als Selbstfahrer mit eigenem „Mercedes T1“ für Trans-o-Flex, sukzessive aufbaute. Vom Trans-o-Flex-Geschäft hat sich der Gründer 2011 wehmütig trennen müssen, dafür ist 2009 das Franchise-Geschäft für Mailboxen ETC (MBE) samt Druck- und Verpackungsaufträgen dazugestoßen. Für UPS erledigt man seit 2009 auch die Express- und Samstagszustellung, die TKD-Leute organisieren seit 1999 das Zustellgebiet rund um Iserlohn für den braunen Paketriesen.
Kreative Lösungen gefragt
Man hat dabei von Anfang an kreative Fuhrpark-Ideen eingebracht, für die UPS offene Ohren hatte. So setzt TKD für die Expresszustellung des UPS-Centers Herne vor 9:00 Uhr statt der großen Lieferwagen schnelle, wendige und nicht zuletzt preiswerte Smart-Diesel-Fahrzeuge ein. „Wozu für diese meist kleinteiligen Sendungen, Couverts, kleinen Päckchen einen großen Transporter losschicken? Mit den Smarts sind wir da genau passend downgesized“, begründet Stefan Kube die auf den ersten Blick ungewöhnlich anmutende Maßnahme. Die Smart werden gebraucht gekauft, sie liegen niedrig in den Unterhaltskosten samt Versicherung und Verbrauch. Und sie werden in der eigenen Werkstatt großteils komplett gewartet.
Ein weiterer origineller Ansatz ist ebenfalls in der Werkstatt zu bewundern: Seit einer Weile schon setzt TKD in der Innenstadt von Schwerte ein Lasten-Dreirad mit Kofferaufbau ein. Das bekommt jetzt probeweise Gesellschaft von einem einspurigen Lastenrad der niederländischen Firma Urban Arrow. „Wir probieren das mal über ein paar Wochen aus, auch ersatzweise zum Trike“. Für dessen sichere Verwahrung in der Nacht hat man übrigens eigens eine absperrbare Box vor Ort. Kubes erster Eindruck: „Sehr solide, der Antrieb mit stufenloser Schaltung macht Spaß und die große Kiste mit dem Deckel ist gut beladbar“.
Rad: Günstig im Betrieb
Klar koste das mit etwa 4.500 Euro eine Stange Geld. Dafür spare man aber massiv an Unterhaltskosten, die Versicherungskosten fallen komplett weg. „Nicht wenig, das sind 360 bis 460 Euro pro Monat, wenn man überhaupt einen Versicherer findet für KEP-Autos“.
Damit aber „ein Schuh“ aus den alternativen Zustellformen Roller und Lastenrad wird, kombinieren die TKD-Leute die neuartigen Transportmittel mit einem mobilen Mikrodepot. Das besteht einfach aus einem handelsüblichen Tandemachsanhänger. Einen davon nimmt früh morgens Thomas Halfmann angespannt an sein Zustellfahrzeug mit. Er kümmert sich in Iserlohn als fahrender Disponent auch um den Fuhrpark. Den Hänger stellt er im Zustellgebiet auf von den Kommunen zugewiesenen, mit Sperrpfosten gesicherten Stellplätzen ab. „Dann habe ich meine Schuldigkeit getan und der Zustellkollege kommt dann gegen 10:00 Uhr und beginnt seine Touren vom ‚Depot‘ aus in die innerste City“, beschreibt Halfmann den Ablauf.
Am Spätnachmittag, zum Ende seiner eigenen Tour, sammelt er den Hänger dann wieder ein und nimmt ihn mit ins Depot. In diesem Fall war es übrigens in keiner der Kommunen ein Problem: In Schwerte war man sogar spontan begeistert von der Idee: „Das ging in ein paar Minuten und mit ein paar Telefongesprächen, dass wir einen öffentlichen Stellplatz zugewiesen bekamen, direkt am Rathaus“, erzählt Stefan Kube. Klar, die Kommunen hätten ja auch etwas davon: Es kreist nicht mehr wie früher ein großes, schweres und lautes Zustellfahrzeug um die Innenstadt und nimmt wechselnd Verkehrsraum in Anspruch. „Und wir sparen uns ein Auto, da stand jede Menge Geld einfach auf der Straße herum. Eine Win-win-Situation“, meint der Logistiker.
Die Idee mit dem Anhänger kann er sich übrigens auch für die Lastenräder vorstellen: Flugs zappt er auf seinem Smartphone ein Video der Firma Carla Cargo aus Freiburg herbei, auf dem deren elektrisch unterstützter, dreirädriger und großformatiger Lastenradanhänger (150 Kilogramm Nutzlast, Ladefläche 160x60 Zentimeter) in Aktion zu erleben ist. „So könnte man aus dem Depot noch mehr Fracht mitnehmen. Und abgekuppelt kann man das dann als E-Deichselhandwagen für die Fußgängerzone verwenden. Geniale Idee“, befindet er – und denkt zum Beispiel an Regulierungen wie in Hagen.

Überhaupt ist das oft so, dass aus ökonomischen Erwägungen heraus ökologische Vorteile erwachsen. Die nehme man natürlich gerne mit, als Unternehmer dächte man aber selbstredend erst an die Wirtschaftlichkeit, gibt Stefan Kube zu. So war das auch bei der größten Maßnahme, die man im Fuhrpark initiierte: TKD setzt seit 2006 stark auf Erdgasantrieb. Das machte anfangs ganz massiv Sinn in ökonomischer Hinsicht: Trotz der höheren Anschaffungskosten und der für ein Zustellfahrzeug etwa 400 Kilo geringeren Nutzlast sparte man gegenüber dem Diesel mit 90 Cent pro Kilo Erdgas bei 1,20 Euro für den Liter Diesel signifikant an Betriebskosten. Umso schmerzlicher ist für den gelernten Ökonomen Kube der Niedrigstand beim Diesel-Preis. „Aber wer weiß, wie lange das so bleibt“.
Vorteil: kein Tachograph!
Doch gegenüber früher hat man die Zahl an Erdgasfahrzeugen von 50 auf mittlerweile 35 wieder etwas reduziert. Dennoch dürfte die TKD-Flotte eine der größten Erdgas-Flotten bei einem mittelständischen KEP-Unternehmen sein. Wartung und Service haben sich nach anfänglichen Problemen eingependelt, der Service von Iveco West in Dortmund und Automobil GmbH Sachse in Witten ist mittlerweile erprobt in Erdgastechnik. Von der Tankinfrastruktur ist das für TKD weder in Bochum noch in Schwerte, Hagen oder Iserlohn ein Problem: „Wir tanken an den öffentlichen Zapfpunkten, bei 120 Kilometern pro Tag müsste man da auch nicht täglich nachfüllen. Machen wir aber trotzdem“, erklärt Stefan Kube, der trotz des Diesel-Preises den Erdgasantrieb als „umweltzonensichere“ Lösung weiter erhalten will. „Wer weiß, was sich da bei den Städten noch an Regularien ergibt, siehe Feinstaubalarm in Stuttgart“, erklärt der gewiefte Planer. Und so werden die bestehenden Erdgasautos im nächsten Jahr wohl wieder durch CNG-Fahrzeuge ersetzt, wenn, wie bei TKD üblich, nach sechs Jahren die Ablöse ansteht.
Die CNG-Autos sind sämtlich „Iveco Daily“, besonders die neuere Generation mit 3,0-Liter-Erdgasturbomotor loben die Fahrer für gute Durchzugskraft und leisen Lauf, erzählt Kube. „Da gibt es keinen Unterschied zum Diesel“. Der Verbrauch liegt mit 16 bis 17 kg/100 km auf dem Niveau der Diesel-Fahrzeuge, die Nutzlast der 6,5-Tonnen-Fahrzeuge beträgt mit dem 23-Kubik-FFG-KEP-Koffer etwa drei Tonnen. Da blieb genug Spielraum, die Nutzlasten von Zugfahrzeug und Hänger auf die Zielmarke 7,5 Tonnen auszutarieren: „Sonst hätten wir ja wieder einen Tachografen einbauen müssen“, begründet Stefan Kube.
Das mit dem Tachografen ist überhaupt noch ein wichtiger Nebenaspekt der ganzen Erdgas-Geschichte. Denn durch eine etwas kuriose Ausnahme in der Fahrpersonalverordnung sind Erdgasfahrzeuge auch über 3,5 Tonnen Solo-Gewicht von der Tachografenpflicht befreit. Kein geringes Argument, denn die Ruhezeiten einzuhalten, das ist im KEP-Geschäft fast ein Ding der Unmöglichkeit. „Lenkzeiten sind nicht das Thema, unsere Fahrzeuge sind ja mehr Stehzeuge, aber die Pausen sind kniffelig, Bußgeldbescheide fast nicht zu vermeiden“.
Noch einen interessanten Aspekt spricht Kube an: „Für uns wird es immer schwieriger, Fahrer zu finden, die die 5,2- und 6,5-Tonner fahren dürfen. Die Bundeswehr bildet nicht mehr aus und die Hürden sind mit der EU-BKF-Richtlinie und der aufwändigen Grundqualifikation hoch. Wer macht denn da noch einen Lkw-Führerschein“, fragt er rhetorisch. Sie würden ja unter Umständen auch selbst nach BKF ausbilden, doch das wiederum scheitert daran, dass sie nur einen Wechselbrückenzug im Fuhrpark haben. Der fährt feste Touren für Grohe und die Papier Union und ist somit nicht für Lkw-Ausbildungszwecke verwendbar.
Führerscheinfrage drängt
Die immer dringlichere Führerscheinfrage ist übrigens auch der Grund, bei TKD zunehmend 3,5-Tonnen-Fahrzeuge in den Fuhrpark zu nehmen. „Da wird es dann aber mit der Nutzlast wirklich mau bei einem Erdgasfahrzeug“. Lediglich 650 Kilo blieben bei einem 3,5-Tonner-Daily mit 16-Kubik-Koffer übrig. „Wenn es ganz blöd läuft, sorgt die Führerscheinproblematik irgendwann dafür, dass wir mehr Fahrzeuge einsetzen und die häufiger fahren müssen. Das kann auch aus ökologischer Sicht nicht gewünscht sein“, warnt Stefan Kube. Aus seiner Sicht entsteht mit dem gleichzeitigen Boom im E-Commerce und dem wachsenden Sendungsaufkommen eine bedenkliche Gemengelage. Kube behilft sich einstweilen auch mit anderen Tricks, wie der Routenoptimierung mittels einer vor Kurzem eingeführten Fuhrpark-Software: Die stellt für den Fahrer die günstigste Tourenabfolge zusammen und effektiviert die Abläufe signifikant. „Wieder ein Zustellfahrzeug eingespart“, freut sich der bekennende Excel-Fan. Die Not macht ja bekanntlich erfinderisch. Johannes Reichel

Zahlen + Fakten
Firma
TKD Logistik & Express, Bochum/Iserlohn/Chemnitz; Geschäftsführer: Hans-Peter Exner
Technik
ca. 35 Fahrzeuge vom Typ Iveco Daily 65C14G CNG sowie 35C14G mit 3,0-Liter-Iveco-Dieselmotor, 136 PS Leistung, max. Drehmoment 350 Nm, fast stickoxid- und rußpartikelfrei, EEV-Einstufung; für Expresszustellung Smart Fortwo Diesel; Innenstadtauslieferung: zweispuriges Lastenrad und Lastenroller in Kombination mit „Mikrodepot“-Tandemachsanhänger
Einsatz
Für UPS: Tägliche Business-Kunden-Touren mit Zustellung und Abholung, kleinteilige Belieferung von Innenstadtgeschäften, Express/Früh- und Samstagszustellung

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