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Es muss nicht gleich Elektro sein

Man muss in der Citylogistik nicht warten, bis elektrische Lkw verfügbar oder gar wirtschaftlich sind: Scania zeigt mit Partnern, wie Erdgas speziell als LNG eine Brücke darstellen kann.

 Bild: Scania/Havi
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Johannes Reichel

Vor knapp zwei Jahren fassten drei Partner einen Plan: Binnen fünf Jahren wollen der Lebensmittellogistiker Havi, sein Kunde McDonald’s und der Lkw-Lieferant Scania die CO2-Emissionen in der Lieferkette drastisch reduzieren und 70 Prozent der Fahrzeuge in verschiedenen europäischen Ländern auf alternative Kraftstoffe umgestellt haben. Der Fast-Food-Anbieter wiederum verfolgt in seiner „Scale for Goods“-Strategie den Ansatz, bestimmte, besonders dringliche Anwendungsfelder mit Priorität nachhaltiger zu machen, um dann grüne Technologien breiter zu industrialisieren. Dazu gehören neben der Fleischbeschaffung auch Verpackung, Recycling und allgemeine „Klimaschutzmaßnahmen“. Die Zusammenarbeit konzentriert sich zunächst auf Europa. Ähnliche Ansätze werden aber auch für den asiatischen Markt getestet.

Das Ziel ist klar: weg vom konventionellen Diesel. Und dabei setzt man vor allem auf CNG/LNG-Fahrzeuge, jüngst auch auf die im Verteilerverkehr interessante Plug-in-Hybrid-Technologie (siehe Kasten). Ein erster sogenannter PHEV ging bei Havi in Dienst. Die Fahrzeuge beliefern in Stockholm nachts die Filialen der Schnellrestaurantkette McDonald’s, ein Pilotprojekt mit der City of Stockholm und der EU im Rahmen des Projektes „Civitas Eccentric“. Normalerweise ist der Nachtbetrieb schwerer Lkw in der schwedischen Hauptstadt nicht erlaubt. Bei der Morgenanlieferung standen die Lkw aber häufig im Stau. Durch die Verwendung fossilfreien Biodiesels, kombiniert mit lokal emissionsfreiem und leiserem E-Antrieb dürfen die PHEV-Fahrzeuge in dem Projekt aber nachts verkehren.

Der Lkw ist zudem mit Geofencing-Technologie und der „Scania-Zone“-Software ausgestattet, passt sich also im Fahrmodus den jeweiligen Erfordernissen in Bezug auf Tempolimit und Emissionen von Abgas und Geräusch an. Maximal kann der Truck zehn Kilometer rein elektrisch fahren. Während des Entladevorgangs und der Fahrpausen lässt sich der Hybrid zudem zwischenladen. Man analysiert jetzt, inwiefern die Technologie zur Emissionssenkung taugt. Allein der Betrieb mit HVO-Biodiesel könne bis zu 90 Prozent bringen, führt Scania an.

Seit Jahresbeginn beliefert Havi auch mit Erdgas-Lkw McDonald’s-Filialen in Madrid und Barcelona. Dabei stellte man 14 Gas-Trucks von Scania in Dienst, zwölf davon mit LNG betrieben. Die Fahrzeuge beliefern Filialen der Schnellimbisskette aus den Distributionszentren in Madrid und Barcelona. In Madrid kommen zusätzlich elektrisch angetriebene Kühlaggregate zum Einsatz. Havi will die CO2-Emissionen in der Logistikkette mit dem sukzessiven Einsatz von Biogas um 90 Prozent senken, wenn der Kraftstoff denn in der Breite verfügbar ist.

Weitere Kunden für LNG

Nach aktuellem Stand der Technologie führt man eine Reduzierung um 20 Prozent ins Feld. Die CO2-Emissionen bei der Belieferung werden in Echtzeit gemessen. Die Partner erwarten sich je nach Strecke sowie Kraftstoff- und Verkehrsbedingungen eine CO2-Reduktion in Höhe von 15 bis 40 Prozent je Kilometer.

Die Fahrzeuge sind zudem wesentlich leiser. In Verbindung mit geräuscharmen Kühlaggregaten können sie also die Auswirkungen durch Anlieferungen in Innenstädten mildern. „Mit der Partnerschaft setzen wir Maßstäbe im innerstädtischen Lieferverkehr. Wir diskutieren nicht nur, sondern setzen Maßnahmen um, sodass die Gemeinden und Städte sofort profitieren“, meint Haluk Ilkdemirci, President Logistics bei Havi.

In dem Kontext begrüßte der schwedische Hersteller übrigens auch die Mautbefreiung von Erdgas- und Biogas-Fahrzeugen in Deutschland und sieht darin einen wichtigen Schritt. Die Förderung gilt vom 1. Januar 2019 bis zum 31. Dezember 2020. Danach gibt es für CNG(Compressed Natural Gas)- und LNG(Liquefied Natural Gas)-Fahrzeuge weiter eine Mautreduzierung um die Luftverschmutzungsabgabe in Höhe von 1,1 Cent/km für Euro-6-Motoren. „CNG- und LNG-Fahrzeuge sind für Spediteure eine nachhaltige Option“, erklärt Christian Hottgenroth, Direktor Verkauf Lkw, Scania Deutschland Österreich. Bei der Anschaffung eines Gas-Lkw könne man zudem einen Zuschuss von bis zu 12.000 Euro für LNG-und bis zu 8.000 Euro für CNG-Lkw erhalten.

Auch andere Lebensmitteldistributoren haben Erdgas als erschwingliche und zukunftssichere Zwischentechnologie entdeckt, bis irgendwann vielleicht vollelektrisch angetriebene Trucks im 18- bis 26-Tonner-Segment eine wirtschaftliche Alternative sind. So stellte der spanische Lebensmittelgroßhändler Alimerka in Asturien jüngst bereits das 46. Fahrzeug mit LNG-Technologie von Scania in Dienst. Damit laufen zwei Drittel seiner Flotte mit dem alternativen Antrieb. Jüngster Neuzugang war ein Truck mit 13-Liter-Motor und 410 PS, der den Einsatz eines Lebensmittelsattelzuges ermöglicht.

Durchbruch mit LNG

Mit den zwei Tanks schaffen es die Alimerka-Fahrer 1.600 Kilometer weit. So ist man flexibel in der Fuhrparkplanung, je nachdem, was ansteht. Vom zentralen Logistikzentrum in Lugo de Llanera nahe Gijon verteilt Alimerka Waren an 173 Supermärkte in ganz Asturien sowie in den Nachbarregionen Kastilien, Leon und Galizien.

Auch der dänische Lebensmitteldistributeur KP Logistik bescherte den Schweden gefüllte Auftragsbücher in der Gassparte: Das in Stavenhagen ansässige in dritter Generation geführte Familienunternehmen orderte gleich 100 der R410er-LNG-Zugmaschinen, die zwischen den Logistikzentren Stavenhagen und Wustermark nahe Berlin aufgeteilt werden. Sie fahren in der Filialbelieferung mit Trocken-, Kühl- und Gefrierfracht, vornehmlich für Netto- und Norma-Niederlassungen in Ostdeutschland inklusive in Berlin. Damit sind zwei Drittel des 150 Lkw umfassenden Fuhrparks nun „alternativ“. „Mit dieser strategischen Bestellung wollen wir Pionier sein für nachhaltigeren Transport“, kommentiert David Brokholm, Managing Director bei KP Logistik, die seit 1990 in Deutschland aktiv ist.

Bessere TCO-Bilanz

Auch bei KP Logistik freut man sich über die Mautersparnis, die die TCO-Bilanz spürbar verbessern und eine Amortisation beschleunigensoll. „Das hat uns die Entscheidung für Gastechnologie deutlich erleichtert“, bestätigt Brokholm. Er plant mit den neuen LNG-Zügen auf fünf Jahre, und in dieser Zeit werden sie 800.000 Kilometer abspulen. Apropos: Auch die Werkstatt, das Lkw-Center-Petersen in Stavenhagen, wurde integriert in die Fuhrparkumstellung. Sie hat entsprechendes Equipment für den Service angeschafft und die Mechaniker auf die LNG-Technologie trainiert für den sicheren Umgang mit Flüssigerdgas. Mit einem 340- und einem 400-Liter-Tank verfügen die KP-Züge über eine Reichweite von satten 1.100 Kilometern.

Für die Tankinfrastruktur sorgt ab Sommer der Anbieter Liquind 24/7, der in Stavenhagen und Wustermark Stationen in Betrieb nimmt, die allen Kunden offenstehen sollen. So wächst auch die Infrastruktur für LNG allmählich; bis Ende des Jahres soll es 20 Tankmöglichkeiten in Deutschland geben.

„Wir sehen ein wachsendes Interesse an unseren Gasfahrzeugen und die Bestellung von KP Logistik ist bisher die größte“, freut sich Hottgenroth. Während das Erdgasgeschäft bei den Pkw in der anbrechenden Massenelektrifizierung unter einem unsicheren Stern steht, will man bei den Lkw mit LNG jetzt erst richtig Gas geben. jr

Fotos: Scania/Havi

PHEV-Lkw: Innovativer Verteiler mit Doppelantrieb

Der schwedische Lkw-Hersteller Scania präsentierte zur IAA Nutzfahrzeuge unter anderem Hybrid-Verteiler-Lkw als HEV und Plug-in-Hybrid-Variante. Die soll die Möglichkeit bieten, Strecken etwa vom Lager im Umland unter Verwendung des Verbrennungsmotors zurückzulegen und im Innenstadtbereich auf Elektroantrieb umzustellen. Die Fahrer sollen die Akkus etwa während des Ausladens der Ware oder bei Ruhepausen innerhalb von 20 Minuten wieder aufladen. Hauptantriebsquelle in den Hybrid-Lkw ist der Fünf-Zylinder-Reihenmotor, der auch mit HVO, hydriertem Pflanzenöl betrieben werden kann. Parallel arbeitet ein Elektromotor mit 130 kW (177 PS) und 1.050 Nm.

Das Energiefenster der Lithium-Ionen-Batterie ist auf 7,4 kWh voreingestellt, um eine lange Akkulaufzeit zu gewährleisten. Dank elektrischer Nebenaggregate für die Lenkung und die Luftversorgung der Bremsen können die Lkw vollständig elektrisch und ohne Unterstützung des Verbrennungsmotors fahren. „Wir stellen unseren Kunden eine Lösung mit verlässlicher Hardware, Energierückgewinnung und ohne Risiko einer geringen Reichweite zur Verfügung“, verspricht Maria Johansson, Acting Product Director, Urban, Scania Trucks. Bei den Lkw für den Stadtverkehr seien Hybridfahrzeuge der neueste Stand der Technik „im Hinblick auf Gesamtwirtschaftlichkeit, Betriebszeit und Nachhaltigkeit“, meint Johansson. In Kombination mit HVO will man so eine CO2-Reduzierung von bis zu 92 Prozent bei gleichzeitig hoher Leistungsfähigkeit in zunehmend weitläufigeren Stadtgebieten erreichen. jr

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Artikel Es muss nicht gleich Elektro sein
Seite 18 bis 20 | Rubrik Märkte & Trends
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