Logistik in der zweiten Welle

Die erste Pandemiewelle des Coronavirus ist noch nicht richtig abgeklungen, da werden bereits Vorkehrungen für die zweite Welle getroffen. Allen voran: die Logistiker. Sind sie flexibel genug?

Lieferkettenprobleme sind eine der größten Gefahren der zweiten Welle. Bild: PTV Group
Lieferkettenprobleme sind eine der größten Gefahren der zweiten Welle. Bild: PTV Group
Tobias Schweikl

Panik oder Vernunft: Täglich informiert man sich über die aktuellen Infektionszahlen der Covid-19-Pandemie. Unternehmen jedweder Branche beobachten argwöhnisch die Entwicklung neuer Hotspots und prüfen mögliche Auswirkungen auf die eigene Geschäftsentwicklung. Schon trifft man Vorkehrungen für eine zweite Welle der Pandemie. Allen voran: die Logistik. Die Branche steht – wieder einmal – vor großen Herausforderungen.

Die vorläufige Ausgabe des OECD-Wirtschaftsausblicks vom Juni 2020 findet klare Worte für die Entwicklungen in den einzelnen OECD-Ländern und in ausgewählten Nicht-OECD-Volkswirtschaften. Demnach steht die deutsche Wirtschaft mit einem Rückgang des BIP um 6,6 Prozent in 2020 vor einer tiefen Rezession – ohne zweite Welle. Der Bericht stuft beispielsweise Lieferkettenprobleme, welche die Produktion der Automobilindustrie behindern, als größere Gefahr einer zweiten Welle ein. Gleiches gilt für den gesamten Euroraum und die USA.

Schon in einem „Single-Hit-Szenario“ mit nur einer Pandemiewelle und einer Lockdown-Phase befürchtet man ein Schrumpfen des BIP um über neun Prozent im Euroraum. Im Falle eines „Double-Hit-Szenarios“ mit zweiter Welle erwartet man einen drastischen Rückgang um 11,5 Prozent. Auch hier spielen die internationalen Lieferketten eine große Rolle und die Diskrepanzen im Euroraum nehmen zu.

Aufgrund der Covid-19-Pandemie rechnet der Wirtschaftsausblick in den Vereinigten Staaten mit einem Rückgang von über acht Prozent in 2020. Selbst wenn die Pandemie im Sommer abgeklungen wäre, wäre das BIP immer noch um sieben Prozent gefallen. Die in den USA herrschende hohe Arbeitslosenquote wird laut Bericht in der Folge die Verbrauchernachfrage längerfristig schwächen – mit direkten Konsequenzen für die Nachfrage nach Transportdienstleistungen.

Die einerseits systemrelevante Logistik hat also deutlich mit den Folgen der ersten Pandemiewelle zu kämpfen. Schon bereiten sich viele Transportunternehmen, Speditionen, Logistikdienstleister auf eine mögliche zweite Welle vor. Manch eine Firma stellt ihr Geschäftsmodell um.

Waberer’s reagiert

Eine Vorzeigefirma in Sachen Reduzierung der Pandemiefolgen ist das ungarische Logistikunternehmen Waberer’s International Nyrt. (Waberer’s). Mit einer Flotte von mehr als 4.100 Lkw sowie 7.600 Mitarbeitern zählt das Unternehmen zu den Marktführern im internationalen Komplettladungsverkehr (FTL) in Europa, das heißt bei Transporten, bei denen eine Komplettladung in einem Transportfahrzeug befördert wird. Zudem ist die Firma ungarischer Marktführer auf dem Gebiet der Inlandsfracht und komplexer Logistikdienstleistungen.

Zu Beginn der Coronakrise führte Waberer’s sofortige Kostensenkungsmaßnahmen ein, um die kurzfristige finanzielle Stabilität in dem sich verändernden Umfeld zu erhalten. Infolgedessen konnte das Unternehmen in der kritischen Phase des Lockdowns eine stabile und kontinuierliche Dienstleistung anbieten. Tibor Dudola, Strategic Buyer bei Waberer’s International, sieht sein Unternehmen gut vorbereitet, wenn die Logistik eine zweite Welle trifft: „In dieser Situation sind Flexibilität und Schnelligkeit bei der Erfüllung der sich ändernden Marktbedürfnisse am wichtigsten. Dies galt sowohl zu Beginn der Pandemie als auch in der Phase der Erholung. Unserer Meinung nach wird der europäische Logistikmarkt mittelfristig stark beeinträchtigt werden.“

Aus diesem Grund hat Waberer’s sein Geschäftsmodell im Segment „Internationaler Transport“ umgestellt. Die neue Strategie stellt die Vertragskunden und die wichtigsten europäischen Fahrtgebiete in den Mittelpunkt der Unternehmensaktivitäten. „Unser ‚Handelswege‘-Modell wird sich auf die wichtigsten Handelsströme innerhalb der Europäischen Union konzentrieren und das bestehende Taximodell (vorheriges Modell der Auftragsdisposition; Anm. der Red.) ablösen. Wir konzentrieren unser Geschäft auf Vertragskunden, um diesen eine stabilere und zuverlässigere Kapazität mit höherer Servicequalität zu bieten“, so Dudola. Um Kunden mit bestehenden Verkehrsströmen außerhalb der Handelsrouten weiterhin bedienen zu können, investiert das Unternehmen zusätzlich in seinen Geschäftsbereich Spedition. Damit erweitert es seine geografische Abdeckung und das Angebot an Dienstleistungen.

DB Schenker in der Cloud

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Prozess: automatisiert – Erwartungen: übertroffen

Die DB Schenker steht für den globalen Güteraustausch schlechthin. Sie erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2019 einen Gesamtumsatz von rund 17,091 Milliarden Euro. Die Geschäftsstelle Schenker Deutschland AG (Schenker) ist mit einem Umsatz von etwa 4,1 Milliarden Euro im Jahr 2019 führender Anbieter für integrierte Logistik im deutschen Markt. Wie rüstet sich ein solches Unternehmen in Pandemiezeiten? Erik Wirsing, Vice President Global Innovation bei Schenker, macht bei der Frage nach den zurückliegenden Wochen einen aufgeräumten Eindruck: „Wir haben alle viel gelernt und gleichzeitig viel Improvisationstalent bewiesen – nicht zuletzt bei der erfolgreichen und wirklich schnellen Umstellung auf Heimarbeitsplätze und Nutzung von Cloudservices. So etwas wäre vor fünf Jahren wesentlich komplizierter gewesen.“

Für die Logistik kommt es Wirsing auf weitere Punkte an: „Wichtig ist die Redundanz des Netzwerks. Das heißt: Wenn es irgendwo eine Blockade gibt, zum Beispiel durch Corona-Schutzmaßnahmen, dann können wir einen Vorgang auch über Alternativrouten, etwa über andere Landkreise, Regionen oder Länder, abwickeln.“ Und ob sich die Verkehrsströme auf Tagesbasis anpassen lassen – je nach Umfang des Shutdowns. Für die PTV-Lösungen ist das kein Problem.

„Mehr denn je brauchen wir in der Logistik Flexibilität und Agilität. Und den Willen dazuzulernen. Bei uns hat schon in der ersten Welle der Pandemie das meiste richtig gut geklappt. Aber auf eine mögliche zweite Welle wären wir sogar sicher noch besser vorbereitet“, sagt Wirsing. „Natürlich muss auch bei Schenker ein Riesennetzwerk am Laufen gehalten werden. Und wir alle haben in der Krise unser Bewusstsein für die IT geschärft. Aber: Gerade in Krisenzeiten entstehen neue Geschäftsmodelle. Jetzt ist der Moment, Dinge zu hinterfragen, Dinge zu ändern, fast wie nach einem reinigenden Gewitter.“ Nicht nur bei Schenker sind viele Logistikkunden betroffen. Immer wichtiger wird deshalb die Beratung schon weit im Vorfeld der eigentlichen logistischen Dienstleistung.

Grundsätzliche Auswirkungen werden noch lange bleiben. Aus dem Druck der Situation heraus stehen Kostenstrukturen und gewohnte Prozesse auf dem Prüfstand; als Wirtschaftsunternehmen muss man Geld verdienen. Wissen und Hygienekonzepte teilen. Das kennt keine Grenzen. Hier sitzt die ganze Welt in einem Boot. ■

Der Autor

Tobias Häßler ist Vice President Region CEE bei der PTV Group. Das Unternehmen ist spezialisiert auf nachhaltige Mobilitätslösungen: von der Planung und Optimierung von Touren über die Simulation von virtuellen Szenarien und der Modellierung von Netzwerken bis hin zur Prognose von Verkehrsströmen.

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Artikel Logistik in der zweiten Welle
Seite 12 bis 13 | Rubrik Märkte & Trends