Pick-by-Voice-Kommissionierung: Klartext im Lager

Pick-by-Voice-Lösungen können die Abläufe beschleunigen und Fehler vermeiden, doch mancher scheut die Einführung der neuen Technologie. Zehn Tipps für die Implementierung der Sprachsteuerung im Logistikzentrum.

Symbolbild LOGISTRA (Foto: T. Schweikl)
Redaktion (allg.)

Im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung des Alltags- und Berufslebens schreitet die technologische Integration auch in den Bereichen Industrie, Handel und Logistik voran. Viele Firmen haben bereits erkannt, dass sie moderne Technologien einsetzen müssen, um künftigen Herausforderungen begegnen zu können. In Distributionsunternehmen bestehen diese, laut einer aktuellen Anwenderumfrage der US-Online-Zeitschrift Supply Chain Digest, in der Senkung der Betriebskosten und der Steigerung der Produktivität.
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, greifen Distributoren auf gängige Technologien wie Radio Frequency (RF), Sortiersysteme und Pick-to-Light oder auf neuere wie RFID oder automatisierte Roboter-Kommissioniersysteme zurück. Doch die Umfrage zeigt auch: Nicht alle Technologien bringen den gewünschten Erfolg mit sich, nur 13 Prozent der Unternehmen glauben, dass ihre Prozesse besonders effektiv sind. Eine der modernen Technologien hat in den vergangenen zehn Jahren über verschiedene Industriesektoren hinweg enorm an Bedeutung gewonnen: Die Sprachtechnologie. Dabei wird der Lagermitarbeiter per Sprachsteuerung durch seinen Auftrag geführt. In der Praxis bedeutet das: Das Warehouse Management System (WMS) teilt dem Mitarbeiter die Orts- und Mengenangaben sowie andere wichtige, auftragsbezogene Informationen mit. Zu diesem Zweck werden Textdateien in gesprochene Anweisungen umgewandelt. Der Anwender bestätigt ebenfalls mittels Sprachkommando, indem er, am Auftragsort angekommen, die dort angebrachte Kennung laut vorliest. Das System überprüft, ob der Mitarbeiter am richtigen Ort steht und nennt die Menge der zu pickenden Wareneinheiten. So gehen Voice-System und Mensch gemeinsam die einzelnen Positionen Schritt für Schritt durch; der Arbeiter hat beim Kommissionieren freie Hände und einen freien Blick.
Freie Hände und ein freier Blick sind ein erheblicher Vorteil und einer der Gründe dafür, dass die Technologie in der Studie des Supply Chain Digest in puncto Verbreitung den zweiten Platz belegt, gleich hinter RF. 20 Prozent der Befragten geben sogar an, Pick-by-Voice in ihrem Unternehmen umfassend einzusetzen, mehr als 24 Prozent befinden sich bereits in der Testphase. Im Vergleich zu anderen Technologien liefert Voice die besten Ergebnisse, wenn es um das Erreichen der Top-3-Ziele geht: die Optimierung der Prozesse im Distributionszentrum, die Reduzierung der Betriebskosten sowie die Lieferung eines zeitnahen ROI. Voice-Nutzer geben sogar an, dass sie ihre Produktivität im Durchschnitt um 26 Prozent steigern konnten. Bei der Gegenüberstellung von Voice-Nutzern und Nicht-Nutzern zeigt sich: 81 Prozent der Nutzer sind zufrieden mit ihrem Lagerbetrieb. Im Gegensatz dazu sind nur 34 Prozent der Nicht-Nutzer zufrieden und 32 Prozent von ihnen sogar unzufrieden. Das ist das Ergebnis einer Studie des Forschungsunternehmens Supply Chain Insights LLC.
Zehn Tipps für die Voice-Implementierung
Die kurze Implementierungsphase der Voice-Technologie trägt dazu bei, dass sie auch für kleine und mittelständische Unternehmen interessant ist. Unabhängig von der Unternehmensgröße sollten Entscheider bei der Systemeinführung jedoch folgende Punkte beachten:
1. Wissen aneignen: Oft setzen Verantwortliche Projekte einfach um, ohne sich vorab umfassend zu informieren. Daher gilt: Entscheider sollten sich mit der Voice-Technologie vertraut machen, sie mit anderen Technologien vergleichen und ihren Nutzen verstehen. Die Mitarbeiter, die in Zukunft mit dem System arbeiten, sollten schon in diesem ersten Schritt mit einbezogen werden, damit ein solides Wissensfundament geschaffen wird.
2. Unternehmensstrategie berücksichtigen: Außerdem ist es von enormer Bedeutung, das Voice-Projekt nicht isoliert zu betrachten. Stattdessen sollte jeder Schritt vor dem Hintergrund der gesamten Distributionsstrategie überprüft werden.
3. IT-Integration und ihre Grenzen erkennen: Unternehmen, die von Anfang an die Möglichkeiten der Voice-Integration in ihre bestehenden Systeme analysieren, treffen später nicht auf unvorhergesehene Probleme. Herkömmliche Systeme unterstützen die Voice-Technologie nicht automatisch. Das bedeutet: Die Systeme müssen modifiziert oder die Prozesse müssen auf eine externe Voice-Anwendung migriert werden.
4. Status quo und Anforderungen definieren:
Bevor sich Entscheider der Suche nach einem konkreten Anbieter widmen, sollten sie eine Ist- und Soll-Liste erstellen. Nur wenige können sämtliche Prozesse detailliert und in all ihren Eventualitäten beschreiben. AutorSie starten direkt mit der Einführung, ohne genau zu wissen, wie die Prozesse ablaufen und welche Anforderungen sie auf dieser Basis an das neue System stellen sollten. In der Praxis zeigt sich schnell: Unternehmen, die detaillierte Analysen durchführen, erwirtschaften größere Erträge.
5. Business Case erstellen: Oft führen fehlende Projekterfahrung oder Zeitdruck dazu, dass Unternehmen den Business Case nicht genau rechnen. Die ungenauen Angaben können wiederum zum Misserfolg des Voice-Projekts führen. Daher ist es meist hilfreich, sich beim Erstellen eines detaillierten Business Cases von einem erfahrenen Anbieter unterstützen zu lassen.
6. Voice-Anbieter auswählen: Die starke Verbreitung der Voice-Technologie führt dazu, dass sie in vielen Fällen als Massenware betrachtet wird. Dabei gelten die Kosten oft als maßgebliches Auswahlkriterium für Entscheider. Viel wichtiger ist jedoch: Die einzelnen Anbieter unterscheiden sich meist in den spezifischen Eigenschaften der Anwendungen. Die benötigten Funktionen sollten daher höher priorisiert werden als die Kosten.
7. Interne Ressourcen zuweisen und Erfolgsmetriken definieren:
Um den zeitlichen Aufwand eines Projekts abschätzen zu können, ist es wichtig, dass die Projektverantwortlichen den internen Ressourceneinsatz korrekt planen. Ein Beispiel: Wird ein Manager mit 50 Prozent seiner Arbeitszeit im Projekt eingeplant, kann tatsächlich aber nur zu 25 Prozent dafür arbeiten, dann wirkt sich das negativ auf den zeitlichen Rahmen und den Projekterfolg aus. Daher sollten Entscheider hier für Transparenz sorgen.
8. Implementierungsmodell festlegen: Die Voice-Technologie kann innerhalb kürzester Zeit eingeführt werden. Daher ist es umso bedeutender, dass die Verantwortlichen vorab entscheiden, ob ihre Systeme, ihre Unternehmenskultur und ihr Management tatsächlich bereit für eine zeitnahe Umstellung sind. In vielen Fällen bietet sich eine langsamere Vorgehensweise an, um die Prozesse aufeinander abzustimmen und das Projekt gegebenenfalls langfristig zu mehr Erfolg zu führen.
9. Roadmap für die Implementierung entwickeln:
Ein detaillierter Projektplan für die Einführung liefert den methodischen Rahmen. Die Roadmap sollte sich in verschiedene Phasen gliedern, welche die einzelnen Meilensteine des Projekts widerspiegeln. So kann die Implementierung schließlich strukturierter und schneller durchgeführt werden.
10. Zielvorgaben kontrollieren:
Das Ziel, die Projektlaufzeit und die Höhe des Budgets einzuhalten, sollte nicht über das Erreichen der operativen Ergebnisse gestellt werden. Dieser ergebnisorientierte Fokus sollte von Anfang an eindeutig definiert und im Laufe des Projekts immer wieder überprüft werden. Entscheider, die diesen Fokus aus den Augen verlieren, laufen Gefahr Eingeständnisse zu Gunsten der Zeit oder des Budgets zu machen, die im späteren Betrieb negative Folgen nach sich ziehen können. Die Voice-Technologie bringt sowohl für Unternehmen als auch für Anwender viele Vorteile mit sich: Arbeiter können weniger eingeschränkt tätig sein und profitieren davon, mit freien Händen und einem freien Blick kommissionieren zu können. Dadurch erledigen sie mehr Aufträge in kürzerer Zeit, was wiederum zur Steigerung ihrer Motivation beiträgt.
Zugleich profitieren Entscheider von optimierten Prozessen im Distributionszentrum, reduzierten Betriebskosten und einem zeitnahen ROI. Um das volle Potenzial einer Voice-Lösung auszunutzen, sollten sich Projektverantwortliche vor der Implementierung detailliert über die Technologie informieren, ihre individuellen Prozesse und daraus abgeleitet die Anforderungen definieren und diese in einem Projektplan zusammenfassen, den sie Schritt für Schritt abarbeiten.
Der Erfolg, den die Voice-Technologie in den vergangenen zehn Jahren erfahren hat, wird auch in Zukunft nicht abbrechen. Grund dafür sind die Vorteile, die Voice für Anwender und Entscheider mit sich bringt. Laut Supply Chain Digest sind 41 Prozent der Distributionsunternehmen der Auffassung, dass die sprachgesteuerte Technologie auch in den kommenden Jahren weiterhin an Marktanteilen gewinnen wird. Die Prognose ist eindeutig: Nicht nur die Kommissionierung, auch andere Bereiche des Distributionszentrums sowie sämtliche Industriesektoren werden zunehmend auf Voice setzen.
Der Autor
Dirk Becker betreut bei Vocollect Europe seit über sechs Jahren als Business Development Manager den deutschsprachigen Raum. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung auf dem Gebiet der automatischen Datenerfassung im Supply-Chain-Umfeld.

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