Weniger Strecke, höhere Anforderungen

Unternehmen in der Logistik müssen heutzutage den Spagat zwischen steigendem Leistungsdruck und drohendem ­Fahrermangel bewältigen. Eine Untersuchung der DEKRA zeigt das Dilemma.

Symbolbild LOGISTRA (Foto: T. Schweikl)
Redaktion (allg.)

Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg waren 2011 in Deutschland rund 805.000 Berufskraftfahrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 39,1 Prozent davon waren über 50 Jahre und nur 16,4 Prozent unter 35 Jahre alt. Es braucht wenig Fantasie, daraus die Herausforderungen der nächsten zehn Jahre abzuleiten.
Im Rahmen des DEKRA-Arbeitsmarkt-Reports wird seit 2009 in den Stellenmärkten ein kontinuierlicher Anstieg der Stellengesuche für Berufskraftfahrer notiert. In diesem Jahr interessierte vor allem, für welche Aufgaben Arbeitgeber aktuell Fahrer suchen und welche Qualifikationen sie von den Bewerbern erwarten. Hierfür wurden 316 Stellenangebote im Volltext analysiert.
Fahrer sind wochenlang unterwegs, schlafen auf Rastplätzen und sehen ihre Familien und Freunde nur selten – so die allgemeine Vorstellung der Tätigkeit von Berufskraftfahrern in der Öffentlichkeit. Die Auswertung ergibt ein anderes Bild: Aktuell beinhalten die Positionen deutlich mehr Touren im Nah- und Regionalverkehr, als dies noch vor vier Jahren der Fall war. Entsprechend zurückgegangen sind die Fahrten im Fernverkehr. Das veränderte Kaufverhalten im Internet und die damit verbundene Zunahme von Transporten im KEP-Verkehr (Kurier-, Express-, Paketdienste) dürften den Fahrer-Engpass weiter verschärfen.
Vier von fünf Arbeitgebern benennen in den Anzeigen die erforderlichen Führerscheinklassen. Da überwiegend Sattelschlepper, Gliederzüge sowie „einfache Lkw“ zum Einsatz kommen, erwarten deutlich mehr als die Hälfte (60,1 Prozent) einen Führerschein der Klasse CE, der zum Führen eines Lkw ab 3,5 t mit Anhänger berechtigt. Doch der Lkw-Führerschein allein reicht heute nicht mehr: In 124 Fällen erwarten die Arbeitgeber von Bewerbern zusätzlich die Fahrerkarte. Für etwas mehr als jede fünfte Stelle ist der ADR-Schein für Gefahrgut in kennzeichnungspflichtigen Mengen Voraussetzung. Da Fahrer beim Be- und Entladen teilweise mit anpacken müssen, steht der Gabelstaplerschein an zweiter Stelle der gewünschten Fachzertifikate.
Es fällt auf, dass in Stellenangeboten selten nach der dreijährigen Ausbildung zum Berufskraftfahrer gefragt wird. Weil bisher erst wenige Fahrer darüber verfügen, wollen Arbeitgeber die Bewerberauswahl vermutlich nicht einschränken. Allerdings finden auch die Grundqualifikation für Berufskraftfahrer oder der Eintrag der entsprechenden „Schlüsselzahl 95“ kaum Erwähnung.
Erfahrung ist Trumpf
Berufspraktische Erfahrungen scheinen eine weit größere Rolle zu spielen als noch vor vier Jahren. Unternehmen legen insbesondere Wert auf das Thema Sicherheit: Für jede dritte Position sind fundierte Kenntnisse in Ladungssicherung sowie sicherem Be- und Entladen notwendig. Vor vier Jahren fragten nur wenige Arbeitgeber gezielt danach (3,2 Prozent). Offensichtlich hat hier ein Umdenken stattgefunden, denn schlecht gesicherte Ladung gefährdet nicht nur die Verkehrssicherheit, sondern führt auch zu Schäden an der Ware. Darüber hinaus sollten die Fahrer auch in der Lage sein, kleinere Reparaturen oder Wartungsarbeiten am Lkw selbst vorzunehmen (14,6 Prozent). Interessant und neu ist die häufige Frage nach Erfahrung im Auslieferverkehr (13,6 Prozent); sie geht mit dem veränderten Aktionsradius einher, der aktuell schwerpunktmäßig Touren im Nahverkehr vorsieht.
Verlässlich und belastbar
Entsprechend dem Wunsch nach berufspraktischen Kenntnissen, wünschen drei Viertel der Arbeitgeber Mitarbeiter mit Berufserfahrung. Gleichzeitig sind sie häufiger bereit, auch Berufsanfängern eine Chance zu geben (11,4 Prozent). Die fünf meistgenannten persönlichen Eigenschaften lagen den Arbeitgebern bereits vor vier Jahren am Herzen, doch ihre Bedeutung ist stark gestiegen.
Die Verlässlichkeit künftiger Stelleninhaber steht weiter an erster Stelle. Darüber hinaus sollten Fahrer auch in hektischen Situationen belastbar, motiviert und serviceorientiert sein. Außerdem spielen Höflichkeit und das äußere Erscheinungsbild eine Rolle, vor allem für Auslieferungsfahrten mit Endkundenkontakt.
Die Bedeutung der Weiterbildung von Mitarbeitern ist hinlänglich bekannt. Allerdings ist das Bewusstsein für eine Lern- und Trainingskultur in der Transportbranche erst schwach ausgeprägt. Die duale Ausbildung als wichtiger Baustein zur Fachkräftesicherung wird beispielsweise noch zu selten eingesetzt. Dies liegt unter anderem an der Struktur mit vielen kleinen Unternehmen, die die Ausbildung organisatorisch alleine nicht bewältigen können.
Hier setzen Ausbildungskooperationen und -initiativen an, bei denen Ausbildungsteile, die der eigene Betrieb nicht leisten kann, ein anderes Unternehmen übernimmt. Die Anforderungen, aber auch Vorteile, die sich aus dem Berufskraftfahrer-Qualifikations-Gesetz ergeben, scheinen viele Logistiker noch zu ignorieren.
Die Tätigkeit des Berufskraftfahrers wird oft auch als Einbahnstraße ohne Entwicklungsmöglichkeiten gesehen. Hier gilt es, Perspektiven in Form horizontaler oder vertikaler Karrierewege zu schaffen, durch die Fahrer Zusatzqualifikationen erwerben und neue Aufgaben übernehmen können. Horizontale Entwicklungsmöglichkeiten sind Spezialisierungen innerhalb des Berufs, etwa Qualifizierungen für Schwerlast, Tank oder Kran. Eine vertikale Veränderung ermöglicht den Schritt in eine leitende Position.
Manche Gegebenheiten des Berufs lassen sich auch nur schwer ändern. Aber mit regelmäßiger Weiterbildung, die Gesundheits­aspekte einschließt, lernen Fahrer etwa mit Stress besser umzugehen. Auch eine bessere Bezahlung würde den Fahrerberuf attraktiver machen. Nicht zuletzt erzielen Arbeitgeber mit ganz einfachen Instrumenten Vorteile: Schon ein fairer und offener Umgang mit den Fahrern oder die bestmögliche Gestaltung der Arbeitsorganisation bewirken oft Wunder.

Der Autor
Dr. Peter Littig ist Direktor Bildungspolitik und -strategie der DEKRA Akademie GmbH. Er befasst sich mit Fragen zur Entwicklung des Arbeits- und Stellenmarkts im europäischen und außereuropäischen Kontext und vertritt die Akademie in wichtigen (bildungs-)politischen Gremien in Berlin und Brüssel.

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