2. Nationale Radlogistik Konferenz: Stetes Streben nach taffer Technik

Zahlreiche Cargobike-Hersteller nutzen die Begleitausstellung zur Konferenz, um ihre Neuheiten zu präsentieren: Mit fahrwerker und biketechnology gleich zwei, die dedizierte Cargobike-Komponenten entwickeln. Mubea präsentiert sein Urban M Bike und Rytle die komplette neue Version des MovR.

Parts for Cargobikes: Die Firma Fahrwerker will eines der größten Mankos aktueller Modelle beseitigen und Komponenten dezidiert für Lastenräder anbieten, die vor allem die TCO verbessern sollen. | Foto: J. Reichel
Parts for Cargobikes: Die Firma Fahrwerker will eines der größten Mankos aktueller Modelle beseitigen und Komponenten dezidiert für Lastenräder anbieten, die vor allem die TCO verbessern sollen. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Die Bühne der 2. Nationalen Radlogistik Konferenz in Frankfurt haben zahlreiche Hersteller zur Präsentation ihrer Neuheiten im Bereich Bikes und Biketechnik genutzt. Besonders herausstach, dass gleich zwei Firmen sich dem kritischen Thema dedizierter Komponenten für Lastenräder widmen. Hier gibt es bisher vor allem im Bereich Bremsen, Gabeln und Räder noch massive Defizite und oft werden Komponenten aus dem Motorrad- oder Rollerbereich verwendet, die robust und preiswert, aber teils auch für andere Lastprofile und Dynamiken konstruiert sind. Die B2C-Produkte aus dem Baukasten der großen Komponentenhersteller halten vor allem in schweren Cargobikes den Lastanforderungen des Alltags oft nicht oder nicht lange stand.

Fahrwerker: Spezialkomponenten für Lastenräder

Dem abhelfen will etwa der Hersteller Fahrwerker aus Metzingen, dessen Macher teils vom Bremsspezialisten Magura kommen und sich die Entwicklung von Komponenten für leichte Elektrofahrzeuge auf die Fahnen geschrieben haben. Bisher kommt in Lastenrädern häufig die Magura Big zum Einsatz, die ursprünglich für den Tandembereich vor geraumer Zeit entwickelt worden war. Allem voran hat man sich hier dem Thema Bremsen gewidmet und auf Basis einer fast komplett lokalen Lieferkette ein System entwickelt, das mindestens dreifache Laufleistungen der Stopper ermöglichen soll.
 

Alu-Gussräder: Robust und leicht

Zu den originär entwickelten Bremshebeln mit leicht bedienbarem, separaten Handbremshebel kommen vor allem kräftigeren Bremsbeläge mit speziellem Compound, voluminösere Bremskolben sowie deutlich kräftigere Scheiben, die sich aber an die vorhandenen Aufnahmen an den Bikes andocken lassen sollen. Ebenso entwickelte man eine hochrobuste Schwerlastfedergabel für schwere Cargobikes, die über stabile Standrohre, Gabelbrücken und anpassbare Aufnahmen verfügt. Derzeit werden hier oft noch Mountain-Bike-Gabeln verwendet. Auch dem Thema Laufräder hat man sich bei Fahrwerker gewidmet und eine Lösung aus Alugussform entwickelt, die ebenso robust wie leicht sein soll und mit Motorradreifen kombiniert wird. Auch die Integration des E-Motors an der Vorderachse ist am Messeaussteller, einem Radkutsche Musketier, realisiert.

All inclusive: Komponenten samt Rahmenset

Auch die Firma biketechnology will die Entwicklung mit speziellen Cargobike-Komponenten vorantreiben und denkt dabei sogar noch über die einzelnen Parts hinaus über ein komplettes Rahmenset für ein dreirädriges, schweres Lastenrad nach, das auf der Konferenz allerdings noch verhüllt war. Gezeigt wurde eine Schwerlastdedergabel, die Edelstahlstandrohre und 55 Millimeter Federweg und in Kombination mit einer Alu-Guss-Felge die Möglichkeit der Integration eines Heinzmann-Nabenmotors vorsieht. Auch hier kommen Motorradreifen mit hoher Tragfähigkeit zum Einsatz. Bei den Bremsen setzt man auf eine symmetrische Schwimmsattelzange, 4 Millimeter Bremsbelagstärke, eine integrierte Feststellbremse, Mineralölbremsflüssigkeit und die Möglichkeit einer Doppelscheibe wie auch bei Fahrwerker.

pinion sieht große Potenziale im Gewerbe

Zudem nutzte der Denkendorfer Getriebespezialist pinion die Konferenz, um für sein unter der Submarke "industrial" entwickelte, spezielle Cargobike-Räderwerk namens T-Line zu werben, das in immer mehr schweren Lastenräder Einzug hält, etwa auch in dem beim CABOTY zweit- und drittplatzierten Bikes von tricargo und A-N.T. Der Hersteller bietet drei Versionen mit sechs, neun und 12 Gängen an und verspricht hohe Robustheit, lange Laufleistungen und feinen Schaltkomfort sowie vor allem niedrige Betriebskosten.

Telematik: Die Bike-Flotte flotter organisieren

Der IoT-Spezialist Paztir wiederum warb für sein Lock- und Trackingsystem, mit dem sich der Lieferprozess deutlich professionalisieren lassen soll. Das System kommt etwa beim Trailer Carla Cargo mit Messenger-Box zum Einsatz, der beim CABOTY die Trailer-Wertung für sich entschied. Neben dem schlüssellosen Zugang zu Bike oder Box per Chip, Uhr oder App, ermöglicht das CAN-Bus-kompatible System per GPS-Tracker vor allem eine präzise Lokalisierung und darauf aufbauend eine flüssige Fahrzeugdisposition. Außerdem integriert das System Funktionalitäten der vorbeugenden Wartung sowie Fahrzeugtelemetrie.

Rytle legt den MovR komplett neu auf

Auf der Bike-Seite überraschte vor allem der Pionier für schwere Lastenräder mit Wechselaufbau Rytle. Das einst aus einem Spin-Off des Trailerherstellers Krone hervorgegangene Unternehmen legt mit der nächsten Generation ihres dreirädrigen MovR-Bikes mächtig nach und will zahlreiche Mankos der ersten Version getilgt haben. So soll etwa eine modulare Bauweise eine schmalere oder breitere Form je nach Anwendung ermöglichen, mit oder ohne Palettentauglichkeit. Auch der Hecklift wurde optimiert und ist jetzt sogar wie beim Lkw per kabelgebundener Fernbedienung steuerbar.

Vor allem ermöglicht die neue Version, deren U-formiger Rahmen aus Alu-Profilen gefertigt ist und leichter sein soll, den Zugang zum Cockpit von beiden Seiten. Der Stauraum am Lenker wurde deutlich vergrößert und die Ablage flacher, die Spiegel größer. Antriebsseitig setzt man noch auf Ketten, ist aber vorbereitet für "digitale" Antriebe mit Generator-Motor-Kombination. Praxisnahe Goodies sind auch ein eigner Feststellbremshebel, eine neue, eigenentwickelte Schwerlastfedergabel sowie doppelte Magura-Big-Scheibenbremsen, kombiniert mit Motorrad-Speichenfelgen. Auf einen Komponenten-Mix aus Bike-Teilen, aber vor allem auch eigenen Parts und einen spektakulären Rahmenbau nebst PU-Schaum-Verwendung setzt der Autozulieferer Mubea, der mit seinem brandneuen und "automobil" konstruierten Urban M in Frankfurt präsent war und das im nächsten Jahr in Serie rollen soll.

Immer größer: Manche Bikes sind groß wie kleine Autos

Fast schon wie ein kleines Auto sieht dann das GalopE PEP des schwäbisch-gmünder Velomobilspezialisten Akkurad aus, der bereits auf der IAA präsent war und sich Lösungen für die urbane Mobilität verschrieben hat und sich als "Pedal Electric Platform" bezeichnet. Das Mobil ragt als Pedelec, das es auch als L1e oder L6e-Fahrzeug geben soll (25/45 km/h), aber schon aus der Fahrradklasse heraus. Beim ebenfalls vierrädrigen Citkar Loadster dagegen will man auf der Bike-Seite bleiben und arbeitet dafür an einer dreisitzigen Variante des Loadster, die einen Autoersatz in urbanen Arealen darstellen könnte.

Urban Arrow will eigenständige Gewerbelinie launchen

Im Umfeld der Konferenz zu vernehmen war auch, dass die niederländische Pon-Tochter Urban Arrow an einem branchenspezifischen, gewerblichen Line-Up ihrer im Privatbereich sehr erfolgreichen und bisher relativ preiswerten Cargobikes arbeitet, die zeitnah an den Start gehen soll. Auch die ideellen Velove-Nachfolger Flevobike aus den Niederlanden waren mit ihrem GoLo-Tieflade-Sitzliegerad vor Ort präsent und wollen zeitnah in den Verkauf starten. Am Rande der Veranstaltung Werbung für ein weiteres schweres E-Cargobike machte die Bochumer Uni-Start-up Antrix, dessen Modell One an Ideen von ONO und Vowag anknüpft und mit einem tollen Design, Allwettertauglichkeit und Crashsicherheit punkten will - spektakuläre unterfüttert mit einem Youtube-Video samt Treppensprung. Überhaupt ein schönes Bild: Die ganze Branche scheint auf dem Sprung zu sein. Und es ist mit Sicherheit dafür gesorgt, dass die Lastenräder in Bewegung bleiben.

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