Abgasskandal: Unter 20 Grad einfach abgeschaltet

KBA-Untersuchung an 58 Modellen: Stickoxid-Reinigung soll bei den meisten Herstellern nur bei moderaten Temperaturen über zehn oder 20 Grad Celsius funktionieren. Massiv erhöhte Werte im Straßenbetrieb.
Aufwändige Messsung: Um die Emissionen im Straßenbetrieb messen zu können, benötigt man aufwändige PEMS-Systeme an Bord des Fahrzeugs. | Foto: TÜV Süd
Aufwändige Messsung: Um die Emissionen im Straßenbetrieb messen zu können, benötigt man aufwändige PEMS-Systeme an Bord des Fahrzeugs. | Foto: TÜV Süd
Johannes Reichel

Die Abschaltung der Abgasreinigung ist nach Informationen der Süddeutschen Zeitung, NDR und WDR eine gängige Praxis bei nahezu allen europäischen Autoherstellern. Mit der gesetzlich bisher zulässigen Möglichkeit des sogenannten Thermofensters wird die Abgasreinigung bei Temperaturen unter zehn, bei einigen Herstellern bereits unter 20 Grad Celsius runtergefahren, sodass Stickoxide nahezu ungefiltern in die Umwelt gelangen. Nachdem erste Straßen-Tests des KBA bei 23 Grad stattgefunden hatten, wurde im weiteren Verlauf der Untersuchungen offenbar auch bei niedrigeren Temperaturen gemessen, mit gravierendem Anstieg der Stickoxid-Emissionen. Nach Informationen des Spiegel hätten von 58 Modellen lediglich zwei auch bei moderaten bis niedrigen Temperaturen die Grenzwerte eingehalten, einer davon ein BMW. Bei einem Konzern vermutet das KBA laut SZ hinter dem Thermofenster noch eine weitere, möglicherweise illegale Maßnahme.

Ob und inwiefern diese Praxis auch bei den häufig technisch eng verwandten leichten Nutzfahrzeugen und Transportern angewandt wird, ist bisher nicht Gegenstand der Untersuchungen. Bei Volkswagen Nutzfahrzeuge waren VW Caddy und VW Amarok der Abgasstufe Euro 5 mit einer illegalen Manipulationssoftware ausgerüstet gewesen. Auffallend war bisher auch, dass keiner der asiatischen Hersteller im Kontext des Abgasskandals erwähnt wurde. Diese hatten zuvor bei Messungen des Fachblattes Auto Motor Sport eine relativ geringe Abweichung zwischen Norm- und Straßenverbrauch aufgewiesen. Hier hatten die Hersteller Renault und Peugeot sowie Fiat besonders schlecht abgeschnitten. Eigene Messungen der AMS zum Stickoxidausstoß hatten bereits im November vergangenen Jahres teils erhebliche Abweichungen von den Laborwerten ergeben.

Aktuell hat jedoch der japanische Hersteller Mitsubishi zugeben müssen, Abgastests bei Kleinwagen manipuliert zu haben, um die Verbrauchswerte zu schönen. Betroffen seien hiervon insgesamt 625.000 Autos, darunter 468.000 Pkw, die für den Konkurrenten Nissan gebaut wurden. Von Abschalteinrichtungen ist hier allerdings keine Rede, lediglich von Optimierungen etwa durch Veränderung des Reifendrucks.

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