Ariadne Faden Klimaneutralität: Sechs Szenarien - alle sportlich

Will Deutschland bis 2045 klimaneutral sein, so eine Studie diverser Institute, muss in jedem Sektor sofort viel passieren. Vor allem im Verkehrsbereich, wo das 2030er-Ziel schon jetzt wackelt.

Direkte und indirekte Elektrifizierung: Will der Verkehrssektor seine CO2-Ziele bis 2030 irgendwie erreichen, müssen vor allem die reinen E-Autos massiv zulegen, aber auch Synfuels aus Ökostrom für den Güter-, Flug- und Schiffsverkehr her. | Foto: Daimler
Direkte und indirekte Elektrifizierung: Will der Verkehrssektor seine CO2-Ziele bis 2030 irgendwie erreichen, müssen vor allem die reinen E-Autos massiv zulegen, aber auch Synfuels aus Ökostrom für den Güter-, Flug- und Schiffsverkehr her. | Foto: Daimler
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Wenn Deutschland sein Ziel der Klimaneutralität erreichen will, muss sofort in allen Sektoren sehr viel passieren. Das ist das Fazit des sogenannten "Fadens für die Klimaneutralität" der Ariadne-Forschungskooperation, den über zwölf verschiedene Institute erarbeitet haben und aus dem die Süddeutsche Zeitung berichtet. In sechs Szenarien beschreiben die Wissenschaftler, wie sich das Ziel erreichen ließe, mit einem Mix aus Elektrifizierung, Wasserstoff, Synfueles und diversen anderen Maßnahmen.

"Klar ist, dass Klimaneutralität in weniger als 25 Jahren nur durch eine beispiellose zügige und tief greifende Transformation des gesamten Energiesystems erreicht werden kann", stellt die Studie nüchtern fest.

Sie sieht allerdings starke Abweichungen im Hinblick auf die aktuellen Politikziele. Ohne zusätzliche Maßnahmen würden die Ziele für 2030 und 2045 aller Voraussicht nach verfehlt, so die Einschätzung der Autoren. Das Ziel sei klar, der Weg dorthin offen. Einzig beim Energiesystem zeichne sich ein klarer Fahrplan ab, wenn steigende CO2-Preise die Kohlekraft schon bis 2030 automatisch aus dem Markt verdrängen würden. Ein vorgezogener formaler Kohleausstieg, wie von den Grünen propagiert, wäre dann nicht nötig, sofern parallel genügend regenerative Energien ausgebaut würden. Bis 2030 könnte es zudem 20 bis 30 Prozent mehr Stromnachfrage beispielsweise für E-Autos oder Wärmepumpen geben, wie Mitautor Gunnar Luderer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung prognostiziert.

Sorgenkind Verkehr: 2030er-Ziel "sehr unwahrscheinlich"

Der Energiesektor, der bereits heute relativ gut im Kurs liegt, wäre weniger das Problem als etwa der Verkehrssektor. Die Szenarien für die Dekarbonisierung spielen zwar diverse Variationen durch, E-Mobilität wie Synfuels. Dennoch kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es "sehr unwahrscheinlich" sei, das Ziel für 2030 zu erreichen. In 20 der 22 Szenarien wird das Ziel verfehlt, so Mitautor Florian Koller gegenüber der SZ. Wenn, dann seien die Ziele nur mit einer schnellen "Direktelektrifizierung und mit zusätzlicher indirekter Elektrifizierung" etwa PtL-Projekte zu erreichen, bei denen Ökostrom in synthetische Kraftstoffe umgewandelt wird. Die Synfuels würden dann aber vordringlich für Güter-, Flug- und Schiffsverkehr benötigt sowie die Restbestände an Verbrennerfahrzeugen, die schließlich 15 Jahr im Schnitt in Verwendung seien, so Koller weiter. 

Auch in der Produktion und Industrie seien in allen Bereichen drastische Weichenstellungen nötig, bis 2030 müssten beispielsweise fünf Millionen Tonnen Rohstahl per Direktreduktion mit Wasserstoff statt Kohle produziert werden, über ein Achtel der aktuellen Rohstahlproduktion. Der Zeitraum bis 2030 sei entscheidend, mahnt die Autorin Andrea Herbst vom Fraunhofer ISI. Pilotvorhaben müssten jetzt auf ein industrielles Niveau skaliert werden. Dann sei eine klimaneutrale Industrie "theoretisch möglich", so die Wissenschaftlerin.

Printer Friendly, PDF & Email