BGL und ADFC fordern mehr Sicherheit für Radfahrer

Der Logistikverband und der Fahrradclub präsentieren in Berlin ein gemeinsames Positionspapier zu Lkw-Abbiegeunfällen und verlangen eine sicherheitsoptimierte Radwegeinfrastruktur. Abbiegeassistenten sollen sofort nachgerüstet werden, EU-Pflicht greift zu langsam.

Vom BGL und ADFC gibt es konkrete Forderungen nach verstärkten Sicherheitsanstrengungen im Straßenverkehr für Radfahrer. Foto: ADFC/Lehmkühler
Vom BGL und ADFC gibt es konkrete Forderungen nach verstärkten Sicherheitsanstrengungen im Straßenverkehr für Radfahrer. Foto: ADFC/Lehmkühler
Johannes Reichel
(erschienen bei Transport von Daniela Kohnen)

Der Logistikverband BGL und der Fahrradverband ADFC haben am Dienstag in Berlin ein Positionspapier vorgestellt und fordern von der Kommunalpolitik und Transportbranche verstärkte Anstrengungen für eine verbesserte Sicherheit der Radfahrer im Straßenverkehr. Konkret werben die beiden Verbände in einem gemeinsamen Positionspapier für den sicheren Umbau von Kreuzungen, getrennte Grünphasen an Ampeln und die Ausrüstung möglichst aller Lkw mit Abbiegeassistenzsystemen. BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt:

„ADFC und BGL eint das Anliegen, die angespannte Situation auf den Straßen zu entschärfen und Radfahrende besser vor schrecklichen Kollisionen mit Lastwagen – und damit auch die Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer vor den traumatischen Folgen – zu schützen. Deshalb werben wir für eine sicherheitsoptimierte Radwegeinfrastruktur und fordern nicht nur unsere Mitgliedsunternehmen sondern alle Lkw-Besitzer auf, zeitnah in leistungsfähige Abbiegeassistenzsysteme zu investieren, um die Unfallzahlen dauerhaft zu minimieren.“

Um schwere Unfälle an Kreuzungen zu verhindern, müssten Lkw und Rad- sowie Fußverkehr laut den beiden Verbänden räumlich getrennt und gute Sichtbeziehungen hergestellt werden. Die Bundesmittel für den Radverkehr aus dem Klimapaket sollten zur schnellen Entschärfung von Kreuzungen durch Sicherheitselemente, wie aufgepflasterte Schutzinseln und deutlich vorgezogene Haltelinien, genutzt werden. Gleichzeitig sollten Grünphasen der Ampeln getrennt werden und damit geradeausfahrender Radverkehr und rechts abbiegende Kfz nicht gleichzeitig Grün haben. Kürzere Grünphasen für den Kfz-Verkehr seien zugunsten der Verkehrssicherheit und der Gleichberechtigung der Verkehrsarten in Kauf zu nehmen.

Obligatorisch: Nachrüstung von Abbiegeassistenten

Zudem fordern ADFC und BGL die schnellst möglichste Umsetzung des verpflichtenden Einbaus von Lkw-Abbiegeassistenten. Bis die europaweite Pflicht greife, müssten Kommunen ihre Fuhrparks freiwillig mit Abbiegeassistenten aus- beziehungsweise nachrüsten. Auch an Transportunternehmen gehe der Appell, Lkw-Flotten mit Abbiegeassistenten nachzurüsten und die Fördermittel des Bundes aus der „Aktion Abbiegeassistent“ zu nutzen. Hersteller müssten schnellstmöglich Abbiegeassistenten mit Notbremsfunktion marktreif entwickeln. Bei großen innerstädtischen Bauvorhaben sollen Kommunen laut den beiden Verbänden zudem darauf achten, dass die Anfahrtsrouten der Baustellenfahrzeuge möglichst konfliktarm geplant werden. Hauptachsen des Radverkehrs und Baustellenverkehr müssten wo immer möglich voneinander getrennt sein.

Den toten Winkel überwinden

Auch der tote Winkel müsse überwunden und die Verkehrsteilnehmer sensibilisiert werden.Theoretisch gebe es seit der Einführung der vorgeschriebenen Zusatzspiegel an Lkw in 2007 keinen Toten Winkel mehr. In der Praxis könne der Fahrer während eines komplexen Abbiegevorgangs nicht alle Spiegel gleichzeitig im Auge behalten. Toter-Winkel-Kampagnen seien daher genauso irreführend wie die Aussage, der Lkw-Fahrer könne stets alles überblicken, so die beiden Verbände. Alle Verkehrsteilnehmenden müssten für die Gefahr sensibilisiert werden und Lkw-Fahrer vor Fahrtantritt auf freie Sicht und die richtige Spiegeleinstellung achten.

Schließlich beklagen ADFC und BGL im Positionspapier eine Forschungslücke zur Bewertung unterschiedlicher Kreuzungs- und Signalisierungsarten. Diese müsse geschlossen werden. Auf Basis dieser Forschung müssten neue Design-Standards für sichere Straßen und Kreuzungen entwickelt und schnell in den technischen Regelwerken verankert werden. Auch schwere Unfälle müssten in Hinblick auf die Verbesserung der Infrastruktur systematisch ausgewertet werden. ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork:

„Die Art, wie Kreuzungen in Deutschland gestaltet sind, begünstigt schwerste Unfälle. Wenn an der Ampel Lkw und Rad direkt nebeneinanderstehen und gleichzeitig Grün bekommen, ist höchste Gefahr im Verzug. Wenn dann die Person auf dem Rad geradeaus fahren will – und der Lkw rechts abbiegt – entsteht eine tödliche Falle, die jährlich 30 bis 40 Menschen das Leben kostet. Kommunen dürfen diese Gefahr nicht weiter ignorieren, sondern müssen gefährliche Knotenpunkte identifizieren und sofort entschärfen!“

Wachstum im urbanen Verkehr könnte Opferzahlen steigen lassen

Die Zahl der jährlich sterbenden Radfahrer aufgrund von abbiegenden Lkw droht nach Einschätzung von ADFC und BGL zu steigen, da der städtische Güterverkehr und Radverkehr weiter zunimmt. Während 2019 die „Aktion Abbiegeassistent“ des Bundesverkehrsministeriums durch erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema zu einer leichten Verbesserung der Unfallsituation geführt hat, zeige sich laut den beiden Verbänden zu Beginn 2020 ein deutlich eingetrübtes Bild. Bereits sechs Radfahrer wurden in den ersten Wochen durch abbiegende Lkw getötet.

Hauptverursacher ist in über 90 Prozent der Fälle der Lkw-Fahrer beziehungsweise die Lkw-Fahrerin. Als Opfer überdurchschnittlich häufig betroffen sind demnach Frauen, Kinder und Senioren auf dem Rad. Auch die Angehörigen und Hinterbliebenen sowie Augenzeugen, Rettungskräfte und Polizisten am Unfallort würden durch solche Unfälle oft für Jahrzehnte traumatisiert. Das gelte auch für die betroffenen Lkw-Fahrer. Deshalb könne das gemeinsames Ziel laut Engelhardt nur ‚Vision Zero‘ sein – also keine Verkehrstoten und keine Schwerverletzten mehr.

Printer Friendly, PDF & Email