BIEK-Studie zur urbanen Paketlogistik: Die Tram hat Potenzial

Mit den richtigen Rahmenbedingungen gäbe es Potenzial für den Einsatz von Tram & Co als rollende Depots und Teil urbaner Logistik. Vor allem Mischbetrieb ist vielversprechend, eigene Cargotrams zu aufwändig.

Speziell im Mischbetrieb und in Verbindung mit Lastenrädern auf der letzten Meile hätten Trambahnen großes Potenzial für Kombiverkehre der urbanen und suburbanen Logistik. Im Bild: Pilotprojekt mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt. | Foto: VGF/ONO
Speziell im Mischbetrieb und in Verbindung mit Lastenrädern auf der letzten Meile hätten Trambahnen großes Potenzial für Kombiverkehre der urbanen und suburbanen Logistik. Im Bild: Pilotprojekt mit der Verkehrsgesellschaft Frankfurt. | Foto: VGF/ONO
Johannes Reichel
(erschienen bei Transport von Christine Harttmann)

Der Bundesverband Paket und Expresslogistik e. V. (BIEK) hat eine Studie zum Transport von Gütern im dem öffentlichen Personennahverkehr in Auftrag gegeben. Unter den richtigen Rahmenbedingungen gäbe es durchaus Potenzial, so die Einschätzung der Experten in einem Positionspapier sowie einer ausführlichen Studie. Um verkehrliche Belastungen und Emissionen zu reduzieren, nutzen die Paketdienste immer häufiger Alternativen zur klassischen Paketzustellung mit konventionellen Nutzfahrzeugen. Eine dieser Alternativen könnte der Paket-Transport im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sein, skizziert man die Ausgangslage. Die Möglichkeiten und Potenziale dazu sollte die vom BIEK in Auftrag gegebene Studie eruieren.

Unter dem Titel „KEP und ÖPNV – Chance für die letzte Meile? Untersuchung zur Nutzung von öffentlichen Nahverkehrssystemen für den Pakettransport auf der letzten Meile“ befasste sie sich mit der Frage, ob und wie die ÖPNV-Integration in die Paketlogistik zu mehr Nachhaltigkeit auf der letzten Meile beitragen kann. Der Autor Prof. Dr. Ralf Bogdanski und die Autorin Cathrin Cailliau beleuchten die Potenziale und Grenzen des ÖPNV für die letzte Meile erstmals mithilfe eines Expertenpanels aus KEP- und ÖPNV-Unternehmen.

Bevorzugt im Mischbetrieb aus Fracht und Personen

Sie kamen dabei zu dem Ergebnis, dass der Transport von Paketen in ÖPNV-Fahrzeugen bevorzugt im Mischbetrieb aus Personen und Gütern erfolgen sollte. Ein exklusiver Güterbetrieb lasse sich eher nicht umsetzen, so die Wissenschaftler. Die Nutzung von ÖPNV zum Gütertransport sollte dabei im Mischbetrieb in Nebenzeiten erfolgen, wenn die ÖPNV-Kapazitäten nicht ausgelastet sind – mit Vorrang der Personenbeförderung.

Voraussetzung für das Gelingen solcher Projekte wäre ein politischer Wille auf allen föderalen Ebenen in Deutschland. Die Politik müsste den notwendigen Rahmen schaffen, damit der Gütertransport ein zulässiges Tätigkeitsfeld von ÖPNV-Betreibern werden könnte. Für die erforderlichen Investitionen wären Förderungen notwendig. Dies beträfe etwa logistikgerechte Umbauten an ÖPNV-Verkehrsmitteln und an der Infrastruktur. Die erfolgreiche logistische ÖPNV-Integration in die letzte Meile des Pakettransports hinge zudem stark ab von der Lage der KEP-Depots, der Zustellgebiete in den ÖPNV-Netzen und den logistischen Eignungen der ÖPNV-Verkehrssysteme selbst.

Je länger die Strecke, desto ökoeffizienter

Je länger die Strecke, auf der Pakete im ÖPNV transportiert werden würden, desto "ökoeffizienter" wäre das Konzept und desto weniger fielen die zusätzlich notwendigen Umschlagsprozesse ins Gewicht. Vor allem für Mittel- und Kleinstädte in größeren Ballungsräumen böte sich das Konzept an, denn hier werden längere Strecken als Direktverbindungen mit dem Schienennahverkehr zurückgelegt. Eine sinnvolle Erweiterung des Konzepts wären anbieteroffene Paketstationen für zeitunkritische Paketsendungen an geeigneten Zielbahnhöfen oder Haltestellen.

Es sollten standardisierte Wechselbehälter zum Einsatz kommen, um den Aufwand bei der Zulassung von logistikgerechten Umbauten der ÖPNV-Verkehrsmittel zur Ladungssicherung zu reduzieren. Zudem müssten die Wechselbehälter auf alle marktgängigen Lastenradmodelle und auf die Anlagentechnik in KEP-Depots angepasst werden.

Rechtliche Fragen ungeklärt: Risikoübergang

Strittig wären Fragen zum Risikoübergang, zur Haftung und zu möglichen Regressforderungen, wenn der Transportauftrag durch ÖPNV-Betreiber nicht erfüllt wird. Auch etwaige Personalkapazitäten für den zweifachen Behälterumschlag im kombinierten Verkehr wären zu klären. Die Paketdienstleister seien seit jeher offen für die Erprobung und den Einsatz innovativer Konzepten, die eine nachhaltige und effiziente Paketlogistik fördern, erklärte Marten Bosselmann, Vorsitzender des BIEK.

„Es gibt nicht die eine Lösung für alle Herausforderungen auf der letzten Meile. Die Unternehmen setzen auf viele unterschiedliche Maßnahmen, die die Zustellung von täglich 15 Millionen Sendungen an neun Millionen Empfängerinnen und Empfänger immer weiter optimieren.“

Dazu gehöre der Einsatz von E-Fahrzeugen, Lastenfahrrädern und vielem anderem mehr, so Bosselmann.

„Die Nutzung des ÖPNV kann ein Bestandteil dieser vielfältigen Maßnahmen werden, dafür müsste die Politik allerdings zunächst den notwendigen rechtlichen und finanziellen Rahmen schaffen. Der Gütertransport müsste ein zulässiges und wirtschaftlich tragfähiges Tätigkeitsfeld von ÖPNV-Betreibern werden.“

Prof. Dr. Ralf Bogdanski, Professor für Nachhaltige Stadtlogistik an der TH Nürnberg Georg Simon Ohm und Autor der Studie, fügt hinzu:

„Wir konnten feststellen, dass alle befragten Expertinnen und Experten aus den KEP- und ÖPNV-Unternehmen grundsätzlich offen dafür sind, den Pakettransport im ÖPNV im Mischbetrieb zu erproben. Das ist ein wichtiger erster Schritt. Wenn die notwendigen Rahmenbedingungen gegeben sind, könnten nicht nur konventionelle Fahrzeuge eingespart, sondern auch die nachhaltige Zustellung mit Lastenfahrrädern – in diesem Fall von den Bahnhöfen und Haltestellen aus – eine noch breitere Anwendung finden.“

Als Hauptvorteil nenne Hauptvorteil Bogdanski den Fakt, dass die bisher erforderlichen und schwer zu findenden Mikrodepots bei diesem Konzept entfallen könnten.

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