CES 2024: Kia drängt mit „Platform Beyond Vehicle“ in den Van-Markt

Vans in Vegas: Die Koreaner lüften auf der CES ihre Strategie bei Nutzfahrzeugen, den Purpose-built Vehicles, PBVs. Damit strebt die ambitionierte Marke zurück ins Van-Segment.

Eine Basis, zig Möglichkeiten: Kias neues Van-Konzept. | Foto: Kia
Eine Basis, zig Möglichkeiten: Kias neues Van-Konzept. | Foto: Kia
Johannes Reichel
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Während das Pkw-Geschäft immer volatiler wird, werden Vans wohl immer gebraucht werden – und die brauchen auch immer Service! Und nachdem auch Geely sich mit LEVC und SAIC sich mit Maxus in Stellung bringt, wollen die Koreaner das Geschäft nicht China überlassen. Kias Ansatz ist aber eine Plattformstrategie, genannt PBV. Dabei definiert die Marke die Abkürzung PBV neu als „Platform Beyond Vehicle“, also eine Plattform, die über das Fahrzeug hinausgeht.

Kia will den Van-Markt in mehreren Stufen erobern

Das sogenannte PBV-Geschäft der Marke soll sich zunächst auf ein völlig neues, modulares Fahrzeug stützen, auf das die jetzt in Las Vegas präsentierte Studie Kia Concept PV5 einen Ausblick gibt. Vorgestellt wurde diese Zukunftsvision zusammen mit einem mehrstufigen Plan: Demzufolge sollen PBVs die Mobilitätsindustrie revolutionieren und zugleich die Ambitionen der Hyundai Motor Group, zu der Kia gehört, in den Bereichen Robotik, fortschrittliche Luftmobilität (Advanced Air Mobility, AAM) und autonomes Fahren vorantreiben.

Mit der PV-Reihe strebt man eine ganzheitliche Mobilitätslösung an

Die Kia-PBVs sind laut Pressemitteilung eine „ganzheitliche Mobilitätslösung, die zweckgebundene Elektrofahrzeuge mit fortschrittlichen Softwarelösungen auf Basis der Software-to-Everything-Strategie (SDx) des Konzerns kombiniert“. Als „Platform Beyond Vehicle“ sollen sie dem Konzern den Weg zu neuen Geschäftsfeldern und Lebensstilen öffnen, indem sie dank fortschrittlicher, maßgeschneiderter Interieurs, die ein Maximum an Freiheit und Flexibilität bieten, das Konzept des Raums neu definieren.

„Das PBV-Geschäft von Kia entspricht unserer Vision, über das traditionelle Automobilkonzept hinauszugehen, indem wir die bisher nicht erfüllten Bedürfnisse verschiedener Kunden und Communitys durch optimierte Fahrzeuge und Services bedienen, die auf spezielle Markt- und Geschäftssituationen zugeschnitten sind“, sagt Ho Sung Song, Präsident und CEO von Kia und ergänzt:

„Dank unseres kundenzentrierten Managementsystems, unseres Know-hows in der EV-Serienfertigung sowie der sich rasch entwickelnden SDx-Strategie der Hyundai Motor Group und dem damit verbundenen Zukunftsgeschäft werden Kia-PBVs ein Wegbereiter für geschäftliche Innovationen sein. Wir freuen uns zu zeigen, dass wir bestens darauf vorbereitet sind, der Vorreiter im globalen PBV-Markt zu werden.“

Plattform und Armaturen sind gesetzt, der Rest ist extrem modular aufgebaut

Damit haben die künftigen Kia-Vans nichts mehr mit en preisgünstigen Transportern wie einst Besta und Pregio zu tun, mit denen man eher auf Händlerzentrierte Kunden zielte, die nur aufs Geld schauen. Bei den schicken PBV-Typen soll es diverse Möglichkeiten der Modularisierung geben. Um die jeweiligen Kundenanforderungen flexibel zu erfüllen, kann ein einziges Fahrzeugchassis dank der „Easy Swap“-Technologie für unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse genutzt werden. Hinter der feststehenden Kabine bzw. Fahrerzone („driver zone“) können diverse austauschbare Aufbauten („life modules“) durch eine hybride elektromagnetische und mechanische Kupplungstechnologie mit dem Basisfahrzeug verbunden werden. Dadurch lässt sich das PBV tagsüber in ein Taxi, nachts in einen Lieferwagen und am Wochenende in ein privates Reisemobil verwandeln.

Ermöglicht wird die Modularisierung auch durch die schweißnahtlose „Dynamic Hybrid“-Karosseriestruktur. Die Länge der beweglichen Elemente kann dadurch je nach Einsatzzweck des Fahrzeugs flexibel angepasst werden. Die Verwendung von hochfestem Stahlrohr und technischen Polymeren reduziert die typischen Bauteile um 55 Prozent ohne Einbußen bei der Steifigkeit. Die „Dynamic Hybrid“-Technologie wird in Form standardisierter, praktischer Bausätze geliefert und ermöglicht einen schnellen und einfachen Vor-Ort-Umbau des Kia PV5.

Cleveres Design – das Auge „nutzt“ mit

Das Design der Kia-PBVs ist inspiriert von robusten, einfachen und cleveren Werkzeugen und geht über bloße Ästhetik weit hinaus. Höchste Priorität hat für Kia, dass die Spezialfahrzeuge der Marke leicht und intuitiv zu handhaben sind, unabhängig davon, wo, wann und wie sie genutzt werden.

Ganz gleich, ob das Fahrzeug zum Personen- oder Gütertransport, in der Logistik oder im persönlichen Bereich eingesetzt wird, zeichnet sich jedes PBV laut Kia durch eine „einheitliche Designqualität aus, die dessen solide und robuste Beschaffenheit widerspiegelt und den Eindruck von Zuverlässigkeit und Leistungsfähigkeit vermittelt“. Angenehm: Es gibt keine unnötigen Verzierungen. Jedes Merkmal ist so gestaltet, dass es eine nützliche Funktion erfüllt und das Leben der Nutzer erleichtert, wie die auf der CES vorgestellten Studien deutlich zeigen.

Die Kombination aus einfacher, robuster Oberflächengestaltung und ausdrucksstarker Grafik verbindet die PV5-Modelle trotz ihrer Verschiedenartigkeit. Bei jedem der Fahrzeuge geben die großen Türen eine außergewöhnlich komfortable, säulenlose Öffnung frei, die ein müheloses Ein- und Aussteigen ermöglichen soll. Dem langen Radstand und der Elektroplattform verdankt der Innenraum den flachen Boden und ein Raumangebot, die nahezu unbegrenzte Verstau- und Nutzungsmöglichkeiten eröffnen. Zum eindrucksvollen Erlebnis tragen auch die tischähnliche Oberfläche im Cockpit und das hochklappbare Lenkrad bei, das sich als Schreibtischlampe nutzen lässt, um eine büroähnliche Umgebung zu schaffen.

Ganz viel Bio- und Recycling-Material

Nachhaltigkeit steht im Mittelpunkt der PBV-Designstrategie von Kia. Der umfangreiche Einsatz von Materialien wie Biokunststoff, PCM-Kunststoff (Post Consumer Material), Biolack, Bio-PU-Schaumstoff sowie Gewebe, Filze und Garne aus recyceltem PET reduziert nicht nur die Umweltbelastung, sondern hat auch einen spezifischen optischen und haptischen Reiz, der mit neuen ästhetischen Werten verbunden ist.

Auch hier gibt es Ziffern: Gestartet wird mit dem PV 5

Das erste Modell auf der neuen Plattform ist der PV 5. Er soll zunächst in vier Versionen auf den Markt kommen, und zwar als Basis-Personentransporter, als Lieferwagen für Fracht, als Hochdachvariante mit mehr Komfort sowie als Fahrgestell mit Fahrerhaus für nochmals luxuriösere Applikationen oder potenziell eben auch als Basis für Wohnmobile. Später kommt eine Version als Robotaxi, die gemeinsam mit dem Zulieferer Aptiv entwickelt wurde; es ist äußerlich an diversen Dachsensoren und einem Bildschirm zur Kommunikation mit der Außenwelt erkennbar. Dieses Modell soll sich durch autonome Fahrfunktionen der nächsten Generation auszeichnen.

Dem PV 5 folgen PV 7 und PV 1

Der PV 5 soll schon im Laufe des nächsten Jahres in Korea eingeführt werden. Es sollen dann in einem zweiten Schritt der größere PV 7 sowie der kleine PV 1 nachfolgen, gleichzeitig sollen dann die KI-Fähigkeiten ausgebaut werden.

In einem, dritten Schritt sollen die PV-Vans dann Teil des „moblien Ökosystems der Zukunft“ werden: Hochgerüstet mit Apps verschiedener Anbieter, mit Flottenmanagement-Software und mit weiteren KI-Elementen sollen sie nicht nur viele Nachteile gegenüber dem klassischen Verbrenner-Antrieb kompensieren, sondern auch den Weg zu neuen Geschäftsmodellen ebnen. Auch die Stückzahlen sind ambitioniert: Bis zu 150.000 Einheiten der PV-Modelle sollen in Korea pro Jahr vom Band laufen.

Was bedeutet das?

Kia ist unheimlich schnell und breit geworden: Nach dem edlen Groß-SUV EV9, das gegen die Premiumklasse weltweit zielt, folgen jetzt neue Technologien, die auch in umgekehrte Richtung genutzt werden: Für neue Vans und Nutzfahrzeuge, wo jeder Cent mehrfach umgedreht wird und wo Kia lange nicht mehr aktiv war.