Conference Days 2022: Der Lkw als Zuhause

Transport-Chefredakteurin Christine Harttmann diskutierte bei den Conference Days 2022, was das EU Mobilitätspaket überhaupt bringt und welchen Herausforderungen sich Berufskraftfahrer und Transportunternehmen gerade stellen müssen.

Transport-Chefredakteurin Christine Harttmann im Gespräch mit Joachim Fehrenkoetter (l.u.), Udo Schiefner (r.o.) und Ralf Merkelbach (r.u.). Bild: Nadine Bradl
Transport-Chefredakteurin Christine Harttmann im Gespräch mit Joachim Fehrenkoetter (l.u.), Udo Schiefner (r.o.) und Ralf Merkelbach (r.u.). Bild: Nadine Bradl
Tobias Schweikl
(erschienen bei Transport von Nadine Bradl)

Was bringt eigentlich das EU Mobilitätspaket? Und wie sozial gehen wir mit unseren Lkw-Fahrern um? Diese Fragen stellte sich die Diskussionsrunde um Transport-Chefredakteurin Christine Harttmann am 25. März im Rahmen des digitalen B2B Wissens- und Networking-Events Conference Days 2022. Insbesondere ging es um folgende EU-Vorgaben:

  • Erholungs- und Ruhezeiten von mehr als 45 Stunden dürfen Lkw-Fahrer nicht mehr in ihrem Fahrzeug oder auf Parkflächen verbringen.
  • Innerhalb von je vier Wochen müssen die Fahrer mindestens einmal an den Wohnsitz oder die Betriebsstätte im Niederlassungsland des Arbeitgebers zurückkehren und dort mindestens 45 Stunden Aufenthalt haben.
  • Nach spätestens acht Wochen im EU-Ausland muss das Fahrzeug wieder zur eigentlichen Betriebsstätte im ursprünglichen Mitgliedsstaat zurückkehren.

Der Vorsitzende im Verkehrsausschuss der Bundestages Udo Schiefner (SPD) zeigte sich zufrieden mit den EU-weiten Vorgaben zum Schutz der Fahrer angesichts dessen, dass diese in 27 Mitgliedsstaaten Zustimmung finden mussten.

„Ganz zufrieden werden wir sein, wenn diese in der Praxis auch umgesetzt werden“, sagte Schiefner.

Das EU Mobilitätspaket werde noch „eine Erfolgsgeschichte, wenn es gelebt wird“. Es gebe aber immer noch genug „schwarze Schafe“, deshalb müsste jetzt die Umsetzung der Vorschriften auch kontrolliert werden.

Ganz so positiv sah PROFI-Mitbegründer und BPW-Manager Ralf Merkelbach das nicht, er rückte die Sicht des Fahrers in den Fokus.

„Viele Fahrer sehen ihren Lkw als Zuhause. Sie fühlen sich dort wohl“, berichtete er.

Eine Übernachtung in einer Pension oder ähnlichem müsse für die Fahrer auch praktikabel sein. „Die meisten Pensionen können ja gar keine Lkw aufnehmen“, verwies er auf die Parkplatzproblematik.

In dieses Horn blies auch Transportunternehmer und DocStop-Vorstand Joachim Fehrenkoetter:

„Unsere Fahrer haben top Fahrerhäuser und wollen in ihrem Umfeld bleiben – auch, um auf die Ware aufzupassen.“

Er sehe es sehr kritisch, die Fahrer praktisch zu zwingen, ihre Fahrzeuge zu verlassen, um in einer Pension unterzukommen.

„Wenn ich unsere Fahrer frage, ob sie lieber in ein Motel möchten oder in ihrem Fahrzeug bleiben möchten, dann wollen sie in ihrem Lkw bleiben“, berichtete Fehrenkoetter.

Dass osteuropäische Fahrer immer nach Hause fahren, hält er für illusorisch. „Aber ich verstehe, was mit den Vorschriften erreicht werden sollte.“ Ein viel größeres Problem sieht der Transportunternehmer jedoch in der mangelhaften Infrastruktur: „Es ist ein großer Fehler der letzten 30 Jahre, dass die Infrastruktur nicht mitgewachsen ist.“ Es gäbe viel zu wenige Lkw-Parkplätze und „die Parkplätze, die da sind, sind nicht so, dass man sich als Fahrer wohlfühlt“.

Fahrer ist kein Diebstahlschutz

Schiefner stimmte zu, er sehe auch kein Problem darin, die verkürzten Ruhezeiten im Lkw zu verbringen, es gehe ausschließlich um die 45 Stunden Pause. Auch bei der Parkplatzproblematik musste der SPD-Mann zustimmen, betonte aber auch, dass es nicht so einfach sei, neue Lkw-Parkplätze zu schaffen. Außerdem müsse über eine Bewirtschaftung der Parkplätze nachgedacht werden, um illegales Zwischenparken durch Gebühren unattraktiv zu machen. Beim Thema Ladungssicherung grätschte er allerdings dazwischen:

„Die Ruhezeiten der Fahrer sind nicht dazu da, um währenddessen auf ihre Ladung aufzupassen! Das ist nicht der Sinn und Zweck.“

„Wie gehen Sie denn mit ihren Fahrern um, wenn es um lange Abwesenheiten geht?“, forschte die Transport-Chefredakteurin bei Fehrenkötter nach.

„Wir versuchen die Abwesenheit so kurz wie möglich zu halten“, berichtete dieser. „Die Box der Pandora, die wir mit den osteuropäischen Unternehmen geöffnet haben, kriegen wir allerdings mit einem Man-darf-nicht-im-Lkw-schlafen sicher nicht mehr geschlossen.“

Schlechtes Image - wenig Wertschätzung

Einig waren sich alle Teilnehmer allerdings darin, dass die Wertschätzung gegenüber Berufskraftfahrern gesteigert werden müsse. Das Image habe in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gelitten.

„Es muss wieder attraktiv sein auf dem Bock zu sitzen“, sagte Merkelbach.

Dazu gehöre auch, das Berufsbild der Fahrer – das deutlich vielfältiger sei, als nur einen Lkw zu fahren – der Gesellschaft wieder positiver zu vermitteln beispielsweise im TV.

Da helfe auch kein Klatschen der Gesellschaft wie zu Beginn der Corona-Pandemie, sagte Fehrenkötter.

„Der Held von heute ist oft der Depp von morgen“, habe er sich dabei gedacht und Recht behalten. „Kurz darauf wurden die Duschen und Toiletten für die Fahrer geschlossen.“

Nun verschärfe der Krieg in der Ukraine die Situation von Fahrern und Unternehmern. Klar, seien hier auch die Kunden gefragt, bei den massiv steigenden Transportkosten zu unterstützen.

„Aber unsere Kunden sind auch keine Goldesel!“

Hier bräuchten auch die LNG-Flotten eine schnelle Unterstützung, ergänzte Merkelbach. Europäische Nachbarländer hätten hier deutlich schneller reagiert.

„Wenn wir das selbst bezahlen müssen, wird es eng am Jahresende“, betonte Fehrenkoetter.

In England habe man bereits gesehen, was passiert, wenn an den falschen Stellen der Lieferkette geschraubt werde.

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