„Das Jahr 2022 ist eine spezielle Herausforderung“

Im Interview: Steffen Bersch, CEO beim Intralogistik-Spezialisten SSI Schäfer, über den Trend zu mehr Automatisierung, den Einfluss der Software und das Geschäft in schwierigen Zeiten.

Steffen Bersch ist CEO der SSI Schäfer Gruppe. Verteilt auf sechs Kontinente arbeiten für das Unternehmen rund 10.000 Mitarbeiter. | Bild: SSI Schäfer
Steffen Bersch ist CEO der SSI Schäfer Gruppe. Verteilt auf sechs Kontinente arbeiten für das Unternehmen rund 10.000 Mitarbeiter. | Bild: SSI Schäfer
Tobias Schweikl

LOGISTRA: Herr Bersch, wie kommt SSI Schäfer durch diese von Lieferengpässen geprägte Zeit?

Steffen Bersch: Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass wir sehr gut durch diese Zeit gekommen sind. Die Weiterentwicklung von SSI Schäfer schreitet voran, die Jahre 2020 und 2021 waren erfolgreich. Bei den Auftragseingängen etwa sind wir jeweils stärker gewachsen als der Marktdurchschnitt. Und beim Umsatz konnten wir speziell im Jahr 2021 einen ordentlichen Schritt vorangehen. Wir konnten also die Projekte bei den Kunden trotz Lockdown-Problemen auch umsetzen.

Und in diesem Jahr?

Das Jahr 2022 ist nochmal eine spezielle Herausforderung, weil wir in den verschiedenen Wirtschaftsräumen mit der Inflation kämpfen. Wir haben hier zum Teil erhebliche Preissteigerungen und auch Lieferschwierigkeiten bei unseren Zulieferern. Das macht sich in der Projektrealisierung bemerkbar. Durch langfristige Kunden- und Lieferantenbeziehungen kommen wir aber mit dieser Situation gut zurecht. Was die Auftragslage angeht, war der Start erneut sehr gut.

Was sind aktuell die zentralen Herausforderungen?

Auf der Beschaffungsseite ist es zunächst die Preisentwicklung, die wir nur zum Teil an die Kunden weitergeben können. Es ist aber auch ein Thema der Verfügbarkeit. Durch die Knappheit an Mikrochips sind mache Komponenten, die wir benötigen, kaum oder gar nicht verfügbar. Das beeinflusst unsere Baustellenplanung. Wir lösen das, indem wir alternative Beschaffungswege aufgebaut haben, aber auch durch die guten Beziehungen zu unseren regulären Lieferanten.

SSI Schäfer ist vertikal hoch integriert, ihre Wertschöpfung geht bis hinunter zum Stahl. Ist das momentan ein Vorteil?

Mit Blick auf die Materialverfügbarkeit ist es in jedem Fall ein Vorteil, dass es ein Schwesterunternehmen im Besitz der Schäfer-Familie gibt, das mit Stahl handelt. Die Preisentwicklungen sind aber natürlich auch da vorhanden. Viele Kunden sind aufgrund der sehr transparenten Mechanismen aber bereit, diese Preisentwicklungen mitzugehen.

Sie erwähnten eingangs, die Weiterentwicklung von SSI Schäfer schreitet voran. Wie äußert sich das?

Wir haben in unserer Strategie die Themen Technologie und Innovation stärker in den Vordergrund gerückt. Im Wesentlichen durch eine Förderung der eigenen Entwicklungsaktivitäten, aber auch durch Partnerschaften. Das Stichwort Nachhaltigkeit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Wir haben zahlreiche Projekte, die auf eine Senkung unseres CO2-Footprints abzielen. Aber auch unser unternehmerisches Handeln soll nachhaltiger werden. Und über allem schwebt das Thema Kundenzufriedenheit. Wir messen sehr intensiv, wie zufrieden unsere Kunden an den unterschiedlichen Touch-Points wie dem Vertrieb und im Service mit uns sind. Ganz entscheidend ist außerdem die Mitarbeiterzufriedenheit. Die Mitarbeiter haben in dieser schwierigen Zeit sehr viel geleistet.

Auf der LogiMAT 2022 war gefühlt jedes zweite Exponat ein autonomes Fahrzeug oder ein Kompaktlager. Sind die beiden Trends derzeit wirklich so dominant?

AGV und AMR liegen tatsächlich im Trend. Das Ziel ist die Substitution der Fördertechnik. Damit muss man sich auseinandersetzen. Allerdings wird es auch weiterhin Anwendungsfälle geben, in denen die Fördertechnik präferiert wird. Auf der AMR-Seite wird immer noch versucht, eine vernünftige Kombination aus Robotik und AGV zu schaffen. Mit DS Automotion sind wir da entsprechend vertreten.

Womit beschäftigen sich die Kunden von SSI Schäfer momentan?

Wenn man in Kundengröße denkt, dann gibt es bei den Großen aktuell einen starken Drang nach Standardisierung und Modularisierung von Soft- und Hardware, um eine Skalierbarkeit der Intralogistik zu schaffen. Bei den kleinen und mittleren Kunden geht es eher um die grundsätzliche Automatisierung bisher manuell betriebener Läger. Da braucht es entsprechende vorgefertigte standardisierte Einstiegskonzepte, die wir für die jeweiligen Anforderungen anbieten.

Was treibt diese Entwicklung?

Neben dem E-Commerce Boom sind es zum Beispiel die gestiegenen Erwartungen der Endkunden an Liefergeschwindigkeit und höchste Services. Auch der Fachkräftemangel führt dazu, dass die Unternehmen verstärkt in Automationslösungen investieren.

Lässt sich eine Unternehmensgröße nennen, ab der sich das Nachdenken über eine Automatisierung überhaupt lohnt?

Die Unternehmensgröße ist selten das ausschlaggebende Kriterium für eine Automatisierungslösung. Haupttreiber ist eine detaillierte Analyse der Lagerprozesse hinsichtlich der Grund- und Spitzenlast, der Ergonomie, der Qualitätsansprüche und letztendlich der Einbindung in die Wertschöpfungskette des gesamten Unternehmens.

Wie widmet sich SSI Schäfer dem E-Commerce?

Im Fulfillment sind wir sowohl mit unserem Softwareportfolio WAMAS als auch mit unseren Automationslösungen stark aufgestellt. Wir haben viele Kunden in den Branchen Fashion, Pharma, Grocery und Food. Generell konnten wir viele mittelgroße und große Unternehmen mit E-Commerce-Lösungen ausstatten, auch klassische Retail-Kunden, die zuvor ihre Supermärkte versorgt haben und nun auch Home-Delivery anbieten.

Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig, um Lieferketten noch enger zu verzahnen?

Das hat viel mit offenen Schnittstellen zu tun. Man muss sich auf bestimmte Protokolle einigen, um Datenpakete auch entsprechend austauschen zu können. Ein Beispiel ist das AGV Mesh-Up des VDMA-Fachverbandes Fördertechnik und Intralogistik, das beim IFOY AWARD 2021 im Rahmen des TEST CAMP Intralogistics seine Weltpremiere hatte. Mit der neuen Schnittstelle VDA 5050 können die Systeme und Steuerungssoftware herstellerunabhängig miteinander kommunizieren. Es werden noch viele weitere Anstrengungen der Industrie nötig sein, aber wir brauchen diese Offenheit in den Daten zwingend.

Wer muss da eigentlich überzeugt werden, die Anwender der Logistiksysteme oder die Hersteller?

Ich würde das eher auf der Herstellerseite sehen, weil man bestimmte Protokolle freigeben und sich auf Standards einigen muss.

Hat SSI Schäfer schon eine Entscheidung getroffen?

Wir haben an bestimmten Referenzprojekten teilgenommen. Aber letztlich müssten sich Verbände und Branchen zusammenschließen und den Standard definieren.

Wie stellen Sie eigentlich sicher, dass ihre Logistiksoftware in dieser wandelbaren Zeit immer auf dem aktuellen Stand ist?

Mit unserer Software WAMAS bieten wir ein zukunftssicheres System, das mit den Bedürfnissen von Markt und Kunden wächst, Änderungen in der Auftragslage oder Geschäftsprozesse flexibel abbilden kann und hoch skalierbar ist. Damit bewahren wir die Software-Investitionen unserer Kunden langfristig, über viele Jahre und Jahrzehnte.

WAMAS wird außerdem laufend durch unsere In-House Entwicklungskompetenz vorangetrieben. Stichwort “Continuous Improvement“: Man muss technologisch immer vorne mit dabei sein und regelmäßige Produktreleases bieten. Wir tun das seit 30 Jahren und haben damit einen Standard etabliert, der unseren Kunden Stabilität, Performance und Security über den gesamten Lebenszyklus garantiert.

Stichwort KI – wie wichtig wird die künstliche Intelligenz in der Logistik-IT?

Die Frage ist zunächst, was KI eigentlich ist. Mit unserer eigenen Forschung und der Kooperation mit der Fraunhofer-Gesellschaft sowie mit unserem eigenen Start-up versuchen wir Anwendungsfelder zu finden und entsprechende Lösungen auszuarbeiten. Wie groß das dann tatsächlich wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Aber wir müssen vorne mit dabei sein. Unabhängig von der KI wird aber die Software in der Intralogistik weiter an Bedeutung gewinnen.

Die Fragen stellte Tobias Schweikl

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