Exklusiv-Fahrbericht Renault Kangoo E-Tech: Der Strom-Pionier legt nach

Mit der Neuauflage des Elektrovorreiters gewinnt der Van in Sachen Performance, aber auch Effizienz, an Modernität sowieso. Wir waren im Rahmen des "International Van of the Year" schon damit unterwegs.

Schneller unter Strom: Renault erhöhte die Leistung noch mal von 75 auf 90 kW, der Kangoo E-Tech tritt entsprechend zackig an und fährt sich deutlich agiler als der Vorgänger. | Foto: Renault/DPPI
Schneller unter Strom: Renault erhöhte die Leistung noch mal von 75 auf 90 kW, der Kangoo E-Tech tritt entsprechend zackig an und fährt sich deutlich agiler als der Vorgänger. | Foto: Renault/DPPI
Johannes Reichel

Viele Hersteller sind gerade in der ersten Generation ihrer Elektro-Vans. Renault, der Pionier, der schon 2010 mit dem Z.E. vorpreschte und damals viel belächelt wurde, geht schon in die zweite bis dritte Runde, je nachdem, wie man es betrachtet. Der Antrieb ist jedenfalls die dritte Generation Stromer, nachdem die Ursprungsversion auf der gleichen Basis der Generation II des kleinen Nutzfahrzeugs im Jahr 2017 den Antrieb tauschte von einem 22-kWh-Akku und 44-kW-Motor auf ein mit LG Chem entwickeltes 33-kWh-Paket mit einem ebenso starken, aber effizienteren 44-kW-Motor aus dem E-Kompaktwagen Zoe (R60), was im NEFZ-Zyklus 270 statt 170 Kilometer bedeutete.

Sparsam war er schon immer, jetzt wird er noch flotter

Dieses Fahrzeug, auch als Maxi erhältlich, gilt noch immer als vorbildlich effizient und begnügt sich im Stadtverkehr schon mal mit unter 15 kWh/100 km. Man schaffte tatsächlich die versprochenen 240 Kilometer Reichweite, der Z.E. wurde aber von vielen Nutzern als ziemlich „flügellahm“ kritisiert, erst recht, wenn man in der Maxi-Version voll ausgeladen auf Tour geht. Das wird sich definitiv ändern, wie die allererste Fahrt in den Vorserienfahrzeugen im Rahmen der Jury „International Van of the Year“ nahelegt. Zuletzt ist der Motor sogar noch auf 90 kW erstarkt, ursprünglich waren 75  kW avisiert. Das Drehmoment bleibt mit 245 Nm identisch. Im Eco-Modus liegen auch 56 kW an, mehr als das „Original“ in der Spitze.

Größerer Akku soll bis 300 Kilometer Radius ermöglichen

Die Akkukapazität wächst auf 45 kWh nutzbarer Kapazität, was formal die 300-Kilometer-Marke möglich macht, im realitätsnäheren WLTP. Damit hätte man die frech gewordene landmannschaftliche Konkurrenz von Stellantis/PSA mit ihrem zum Jahresende startenden Elektro-City-Van wieder getoppt, die 275 Kilometer aus einem ähnlich dimensionierten 50-kWh-Akku (45 kWh netto) angeben. Ob die 300er-Marke im Kangoo machbar ist, müssen erste Testfahrten mit den Serienmodellen ergeben. Die von den Kollegen recht forsch absolvierten Testrunden mit dem Vorserienfahrzeug auf der abgesperrten Werksstrecke in Mortefontaine ergeben hier mit 20,2  kWh/100 km noch kein repräsentatives Bild.

Flott unter Strom: Flügellahm war gestern

Was sich aber sehr wohl sagen lässt: Der neue Synchronmotor, ebenfalls vom Zoe und Megane E-Tech abgeleitet, sorgt für eine ganz andere Performance. Nicht, dass ein Lieferwagen ein Sportgerät wäre, aber der kräftige Schub aus dem Stand sorgt schon auch für Entspannung im Stadtverkehr, weil man Lücken schnell zufährt, auch auf Zubringer schnell einfädelt und beim Ampelstart den Verbrenner-Kollegen die Rücklichter zeigt. Noch ohne ESP ausgestattet, kommen die Vorderräder da schon mal an die Grenzen der Haftreibung. Generell bietet der Kangoo E-Tech aber auch ohne Traktionshilfe guten Grip.

Das hat auch damit zu tun, dass man dem „konventionellen“ Layout Frontmotor/Frontantrieb treu bleibt, es liegt für eine Multiantriebsplattform wie die des Kangoo auch nahe. Neben der guten Beschleunigung, die eigentlich schon im Eco-Modus völlig genügt, fällt auch der leise Lauf auf, das E-Aggregat lässt nicht mal mehr ein Sirren von sich hören und stellt damit die Wettbewerber aus Frankreich ebenfalls in den Schatten. Beibehalten wird auch die Rekuperationsstrategie, die das Prinzip „rollen lassen“ favorisiert.

Nur der Schaltknauf ragt aus der Vergangenheit heraus

Alle drei Stufen, umständlich einlegbar über den eher anachronistisch anmutenden Schaltknauf der konventionellen Varianten, sind ziemlich milde. Die oberste erübrigt dann aber die meisten Bremsvorgänge. Allerdings nicht die vor Ampeln oder Kreuzungen: Nach wie vor darf man nicht vergessen, das Bremspedal zu betätigen. Für den Take-off muss dann wiederum das Strompedal gedrückt werden, sprich, der Kangoo „kriecht“ nicht los.

Im Vergleich zu den Verbrennern liegt der Kangoo E-Tech eine ganze Ecke satter auf der Straße, dem tiefen Schwerpunkt durch die Akkus gedankt. Er bereitet demgemäß auch durchaus Fahrspaß, was aber mehr für den Pkw-Ableger relevant sein dürfte. Die Lenkung agiert ausreichend präzise und so steuert man den E-Tech äußerst leise, komfortabel und unkompliziert über die Runden. Das Fahrwerk wirkt keinesfalls überfordert und den versprochenen 600 Kilo in der Standardversion und 800 Kilo in der Langvariante durchaus gewachsen. Bisher waren es in beiden Versionen 650 Kilo.

Parität zum Verbrenner: 1,5 Tonnen Zuglast

Zudem verspricht Renault mit 1,5 Tonnen Anhängelast echte Parität zum Verbrenner und setzt eine neue Bestmarke überhaupt im Elektrosegment. Übrigens werden auch die weite „Open-Sesame“-Tür ohne B-Säule sowie das Innendach-Rack für den Stromer verfügbar sein.

Auch in Sachen Ladetechnik legt der Hersteller zeitgemäß nach: Statt des lahmen 3,7-kW-AC-Laders hält ein zeitgemäßer 11-AC-Lader Einzug, den man wahlweise um einen 22-kW-AC-Lader oder dann dem Komplettpaket aus 22 kW AC und 75 kW DC ergänzen kann, je nach Anforderung und Bedarf. Dann sollen die jetzt von CATL stammenden Lithium-Ionen-Speicher statt der elend langen 11:30 Stunden bei 11 kW binnen 3:50 von 15 auf 100 Prozent gebracht werden. Bei 22 kW an Säule und Fahrzeug sind es anderthalb Stunden. Und bei 80 kW sollen sich 170 Kilometer Reichweite in einer halben Stunde ziehen lassen.

Zudem wird man mittels weiterentwickelter Wärmepumpe und Klimamanagement einen Teil zur erhöhten Reichweite beitragen. Apropos Reichweite: Der neue Kangoo E-Tech kommt ja baugleich dann auch bei den Kollegen von Nissan, die den Stromer gleich priorisieren, und bei den Kooperationspartnern von Mercedes-Benz, die den eCitan sowie den edleren EQT bereits angekündigt haben. Bei allen Marken müssen sich die Kunden aber noch bis zum zweiten Halbjahr 2022 gedulden.           

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