Fahrbericht Fiat: Der Ducato wird digital - und teilautonom

Mit neuem Euro6D-Diesel aus dem Pkw-Baukasten, einem digitalisierten und modernisierten Interieur sowie Fahrerassistenz auf Level-2-Niveau hält Fiat seinen Bestseller "up to date".

Moderner Klassiker: Im Ambiente der Klassikstadt in Frankfurt ging der Ducato in erneuerter Form auf erste Runden. | Foto: J. Reichel
Moderner Klassiker: Im Ambiente der Klassikstadt in Frankfurt ging der Ducato in erneuerter Form auf erste Runden. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Wo ist nur die Handbremse geblieben? Moderne Zeiten ziehen im Ducato ein - der wuchtige Hebel etwa, für guten Durchstieg in den Wohnmobilen nach hinten stets links vom Fahrer platziert, er ist nicht mehr da. Gewichen einer zeitgemäßen Lösung mit elektrischer Parkbremse und einem kleinen Taster links im Armaturenträger. Und den Schlüssel braucht man auch nicht mehr ins Zündschloss stecken: Wahlweise gibt es ein "keyless entry and go"-Paket, ein kleines Knöpfchen im Türgriff eröffnet den Zugang. Symbolisch für die "Herbst-Kur", die Fiat seinem Bestseller im "Herbst" seines Lebenszyklus nochmal angedeihen ließ und die dem Fahrzeug enorm gut tut.

Ende Gelände für die raue Iveco-Maschine

Allem voran beendet man die Ära der Iveco-Industriemaschinen und setzt stattdessen auf einen 2,2-Liter-Vierzylinder-Selbstzünder aus den Pkw-Regalen namens H3-Power-Architecture, der auch beim Alfa-SUV Stelvio und bei Jeep zum Einsatz kommt und auch auf der Straße Euro6D Final erfüllen soll, dank SCR-Abgasreinigung und DPF. Zudem soll das auf 300.000 Kilometer Laufleistung ausgelegte, in vier Leistungsstufen 120/140/160/180 PS erhältliche Aggregat gleich mal sieben Prozent Sprit zum raubeinigen 2,3-Liter-Iveco-Vorgänger weniger verbrauchen - eine kleine Welt. Und es gibt für schwere Fälle eine spezielle "Heavy Duty"-Ausführung für die oberen drei Leistungsstufen.

Verbrauch: Die 8-Liter-Marke ist machbar

Das mit dem Verbrauch können wir nach der allerersten Testrunde über einen Stadt-Land-Autobahnzyklus durchaus bestätigen: Mit 8,2 l/100 km vermeldet zumindest der Bordcomputer einen ordentlichen Wert nicht so weit entfernt von den Werksangaben. Dabei läuft das Aggregat zwar immer noch etwas raubeinig und ist klar und stets als Diesel vernehmbar, aber eine Ecke kultivierter und vor allem vibrationsärmer als der knurrige Vorgänger-Motor, der im Iveco Daily weiter Dienst tut. Und: An der Ampel kehrt dank reaktionsstarkem Start-Stop-System schnell Ruhe ein.

Üppige Drehmomente: Ein Fall für die Autobahn

An Leistung mangelt es dem Aggregat ohnehin nicht: Die getestete 160-PS-Variante verfügt bereits über mehr als üppige 400 Nm Drehmoment, die Topversion bringt 450 Nm an die Vorderräder, um die man dann fast schon ein wenig bangt. Die Traktion ist aber gut und mit der Power zieht der 3,5-Tonner-Kastenwagen nach kurzer Rudolf-Diesel-Gedenksekunde mächtig durch. Er kommt allerdings vor allem auf der Autobahn auf seine "Kosten", sprich findet eine adäquate Anwendung. In der Stadt sollte künftig besser der zeitgleich präsentierte E-Ducato erste Wahl sein, da wirkt der Diesel im direkten Vergleich und allen Optimierungen zum Trotz wie aus der Zeit gefallen und deplatziert.

Kombiniert wird wie bereits im Vorgänger eine 9-Gang-Wandler-Automatik, die offenbar kaum noch negative Verbrauchsauswirkungen hat und einen sanften, ruckfreien und recht nahtlosen Job macht. Die neun Stufen haben auch den Vorzug, dass auf der Autobahn niedriges Drehzahlniveau anliegt. Für schnelle Ferntouren bei akzeptablem Verbrauch bleibt der Selbstzünder also Trumpf.

Fahrerassistenz auf hohem Niveau

Hier lernt man dann auch die diversen Fahrerassistenten richtig zu schätzen, die der Hersteller teils schon bei der vorletzten Pflege des Vorgänger nachgelegt hat: Einen aktiven Spurassistenten zum Beispiel oder den Abstandstempomaten mit intelligenter Verkehrszeichenerkennung samt Tempoanpassung sowie Stop&Go-Fähigkeit, den Seitenwindassistenten, Tot-Winkel-Warner, Seitenwindassistenten und im Notfall einen aktiven Bremsassistenten mit Fußgänger- und Radfahrererkennung, das ganze Paket fair gepreist mit 1.900 Euro Aufpreis.

Auch beim Parken "werden sie geholfen", mittels teilautomatischem Assistenten. Nützlicher ist der Querverkehrswarner per Sensoren im Heckbereich, der zur Not die "Bremse" zieht. Nicht passen will Fiat auch in Sachen digitaler Rückspiegel: Das System funktioniert mit breitem Kamerakegel und wirft ein scharfes Bild auf das Innenspiegeldisplay, erfordert aber immer ein wenig Gewöhnung. Damit katapultiert sich der Ducato jedenfalls in die erste Tech-Liga der Vans, wo ein VW Crafter oder Mercedes Sprinter rangieren.

Straffes Handling, robuste Federung

Fahrwerkseitig bleibt der DUC sich ziemlich treu, sprich eher von der knackigen Seite und mit "robustem Mandat" in Sachen Komfort. Es geht aber außer bei kurzen Stoßen schon in Ordnung und der Kunde wird belohnt mit satter Straßenlage und auch bei dem heftigen Böen am Testtag stabilem Geradeauslauf. Die neue elektrische Servolenkung mag zum gefühlt wirklich etwas präziseren Handling beitragen, aber hieran mangelte es dem Ducato ohnehin nie.

Digital-Ducato: Konnektiver Transporter

Doch nicht nur unter der Haube und bei der Fahrassistenz, auch im Interieur hat sich viel getan: Der Ducato 2021 erblüht auf seine "mittelalten" Tage regelrecht in neuem Glanze. Wahlweise gibt es Volldigitalinstrumente, die nicht nur hübsch anzusehen sind, sondern auch eine breite Spanne an Information und Individualisierung bieten. Je nach Gusto hält man also den digitalen Rundtacho zentral oder den Bordcomputer. Dazu gesellt sich ein neues, gut positioniertes Infotainment-System mit bis 10 Zoll knackscharfer Bildschirmdiagonale, selbstredend drahtlos Android-Auto/Apple-Carplay-tauglich. Die kleineren, ebenfalls frisch und nach neuestem Stand konnektiven U-Connect-Systeme verfügen über 5 und 7 Zoll Diagonale sowie schnelle und zuverlässige TomTom-3D-Navigation mit Echtzeitinfos und der Möglichkeit, Ziele direkt aus der App aufs Navi zu übernehmen.

Hotspot im Ducato

Wahlweise mutiert der Ducato auch zum Wi-Fi-Hotspot mit bis zu acht Endgeräten und höhrt auf die Alexa-Sprachassistenz, der man sich bei FCA verschrieben hat. Und natürlich bietet auch Fiat jetzt eine U-Connect-App sowie Remote-Anbindung des Fahrzeugs ans Smartphone an, sogar ein Diebstahlwarnpaket ist erhältlich, selbstverständlich auch eine Flottentelematik über das Tool "My Fleet Manager". USB-Anschlüsse, eine induktive Ladeschale sowie ein 220-Volt-Stecker runden das moderne Bild ab.

Die Ablagensituation wurde ebenfalls weiter verbessert, im Doppel-Beifahrersitz findet sich ein Drehtisch mit robust gemachter Kinematik, der sich als Arbeits- ebenso wie als Brotzeitplatz eignet. Neue Polster und Verkleidungen, ein griffigeres, kleineres Multifunktionslenkrad (das etwas steil steht), neue Bedieneinheiten für Lüftung und Klimaautomatik sowie wahlweise sogar LED-Hauptscheinwerfer zum LED-Tagfahrlicht komplettieren die Frischzellenkur.

Feststeht: Wer künftig vor der Wahl mehrerer, bis auf den Motor baugleicher und konventioneller Transporter unter dem Stellantis-Dach steht, der bekommt ein paar gute Argumente geliefert, warum es ein Fiat Ducato vor den technisch baugleichen Pendants sein sollte. Schade ist nur, dass die Elektro-Version auf dem "alten" Stand verharrt. Das wäre dann die perfekte Kombination aus zeitgemäßer Konnektivität und Fahrassistenz sowie zukunftsfestem Antrieb.

Printer Friendly, PDF & Email