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Fahrbericht MB Sprinter Fahrassistenz: Nur mit Automatik ganz auf Nummer sicher

Der erneuerte Klassenprimus untermauert mit einem Arsenal an Assistenz seinen Anspruch beim Thema Sicherheit. Allerdings ist der Abstand zur Konkurrenz geschrumpft - und wichtige Features wie Abstandstempomat und Ausparkwarner mit Bremseingriff gibt es nur mit Automatik.

Der Sprinter bietet ein hohes Niveau an Fahrerassistenz, ragt aber nicht mehr so heraus wie einst. Ford und VW sind mindestens ebenbürtig. | Foto: Daimler
Der Sprinter bietet ein hohes Niveau an Fahrerassistenz, ragt aber nicht mehr so heraus wie einst. Ford und VW sind mindestens ebenbürtig. | Foto: Daimler
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Johannes Reichel

Es ist eine beeindruckende Ahnengalerie, die die Van-Sparte unter dem Daimler-Dach aufgefahren hat: Angefangen vom Klassiker L319 über den T1 und zu dem Modell, das 1995 erstmals den Namen Sprinter einführte - und damit bislang in der Klasse ungekannte Sicherheitsfeatures. Dazu zählten etwa die Einzelradaufhängung, Scheibenbremsen rundum, das ABS, der Airbag, nach dem Modellpflege erstmals das vielzitierte ESP, das dann im Nachfolger zu einem adaptiven ESP mit weiteren Verfeinerungen wurde. Immer war der Sprinter der Konkurrenz eine Kurzhaubenlänge voraus bei der Einführung neuer Sicherheitsfeatures.

Doch beim Modellwechsel auf die aktuellste Variante im vergangenen Jahr, war man plötzlich ein Nachzügler: Frech hatte der einstige Kooperationspartner VW mit dem neuen Crafter 2017 den Blinker links gesetzt und Features wie eine automatische Abstandskontrolle, einen Rückverkehrswarner mit Notbremse, einen Einpark-Automaten, der komplett autark in Parklücken steuert, einen sensorbasierten Flankenschutz oder einen aktiven Spurassistenten die Latte im Segment auf Pkw-Niveau gelegt - und damit sehr hoch.

Die Konkurrenz hat aufgeholt

So ganz erreicht auch der neue Sprinter dieses Niveau und den Anspruch "als Technologieführer bei der Integration technischer Lösungen“, den Ulf Zillig, Leiter Produktentwicklung bei Mercedes-Benz Vans bei einem Safety-Workshop in Stuttgart reklamiert, nicht. Zwar sorgt der jetzt serienmäßige Seitenwindassistent auch bei kräftigen Kunstböen auf der Einfahrbahn des Werks Untertürkheim dafür, dass der Sprinter nach kurzem Seitenzucken recht unbeeindruckt die Spur hält. Aber bei den optionalen Features setzt man bei Mercedes-Benz Vans auf einen kamerabasierten Spurassistenten, der im Notfall das Fahrzeug nach erster Warnung per Vibration ungewöhnlich mittels Bremseingriff wieder auf Linie "schupft" und den Fahrer eher "grob" zur Aufmerksamkeit ruft. Fraglich ist auch, was der rückwärtige Verkehr zu solchen spontanen Bremsmanövern meint.

Bei VW oder auch Ford, eine Marke, die ebenfalls stark zum einstigen Sicherheitspionier aufgeholt hat, erfolgt das über die elektromechanische Lenkung eleganter per Lenkradkorrektur. "Wir wollten kein Komfortfeature umsetzen, sondern ein Sicherheitsfeature", rechtfertigt ein Ingenieur die andere, ungewöhnliche Strategie. Außerdem habe die Regelung über den Bremseingriff den Vorteil, dass man später eingreifen könne als mit aktivem Lenkeingriff, der den Fahrer tendenziell früh bevormunde, führt der Daimler-Mann weiter aus.

Der Abstandstempomat "Distronic" im Sprinter wiederum funktioniert zwar bei unseren Testfahrten auf der Einfahrbahn tadellos präzise und mit breitem Radarkegel. Nur in scharfen Kurven verliert das System den "Kontakt" zum Vordermann. Das ACC wird aber nur in Kombination mit der Automatik im Front- und Hecktriebler geliefert. Für knapp kalkulierende Transporteure ist das eine nicht unwichtige Einschränkung. Auch das tolle Feature "Rear Cross Trafic Alert", bei dem der Heckradar beim Rückwärtsstoßen die Straße scannt und nötigenfalls eine Bremsung einleitet, ist nur mit Automatik zu haben, für die man im Falle des Front- oder Hecktrieblers je 2.100 Euro netto einplanen muss für die 9-Gang-, respektive die bei Hinterradantrieb die alte 7-Gang-Wandler-Box. Zuverlässig agiert übrigens die aktive Notbremse (450 Euro netto, Serie über 3,5 Tonnen), die mit massiv-präzisem Bremsdruck vor mobilen wie vor stehenden Hindernissen autark in die Eisen geht, ein Feature, das man sich in jedem Fall leisten sollte.

Was man ebenfalls vermisst, im Vergleich zu den hier führenden Ford-Vans, ist eine Verkehrszeichenerkennung (295 Euro), die wie beim Transit und Custom so intelligent ist, dass sie das Tempo automatisch herunterregeln kann - und so vielleicht vor Strafzetteln bewahrt. Auch eine Fußgängererkennung haben die Ford-Transporter neuerdings "auf dem Kasten". Demnächst ziehen auch die Fiat/PSA-Wettbewerber mit den mittlerweile gängigen Assistenzfeatures nach, nur der neue Renault Master hält - eine bewusste Entscheidung der Ingenieure - Abstand bei der Einführung weiterer Assistenzsysteme, bis in ein paar Jahren ein komplett neues Modell ansteht.

Poller-Detektiv: Eine Abfahrhilfe drosselt das Tempo

Genauso wie bei der Distronic verhält es sich auch beim klug konzipierten "Drive Away Assist", der etwa niedrige Poller vor oder hinter dem Fahrzeug aufspürt, davor warnt und dann vorsorglich das Start-Tempo auf 3 km/h drosselt. "Sonst würde man ja den Motor abwürgen", so die Argumentation für die Ausstattungkoppelung. Beim Handschalter wird nur gewarnt, nicht gedrosselt. Der per Heckradar geregelte Tot-Winkel-Warner mit roter Diode im Spiegel kann allerdings mehr als bei der Konkurrenz: Er bleibt auch drei Minuten nach Ausschalten der Zündung noch aktiv. Reißt der Fahrer in dieser Frist unbedacht die Tür auf, warnt der Van akustisch und per Leuchtdiode - und rettet vielleicht manchen Radler oder Passanten.

Zumindest vor Blechschäden bewahrt der auf Ultraschallsensoren basierte Flankenschutz als Teil des Park-Pakets, der bis 12 km/h den Abstand zu etwaigen Hindernissen misst und optisch und akustisch Alarm schlägt. Wer die Park-Assistenz-Option mit Rückfahrkamera und das in Tateinheit mit dem dem Vernehmen nach erstaunlich beliebten MBUX-System mit völlig ausreichendem 7- oder eher überdimensioniertem 10,25-Zoll-Farbscreen ordert (1.735/2.200 Euro netto plus 1.700/1.970 oder 421/690 Euro für das MBUX!), der bekommt das ganze Szenario auf den Schirm gespiegelt. Die obendrein erhältliche, auf vier Kameras basierte 360-Grad-Vogelperspektive ist dagegen nett anzusehendes, aber  lässliches Gimmick. Ehrlich gesagt: Die Basisparkhilfe mit kleinem Screen im Rückspiegel tut es auch. Die gibt es sogar unabhängig vom MBUX.

Eins oben drauf setzten die Daimler-Ingenieure dagegen mit der für den Hecktriebler optionalen Luftfederung für die Hinterachse ("Komfortfahrwerk", 2.490 Euro netto), die gleichermaßen für höheren Komfort wie für stets an den Beladungszustand adaptiertes Fahrwerksniveau sorgt. Hier kann man auch per Fernbedienung das Niveau des Hecks regulieren, etwa zum Be- oder Entladen. Das funktioniert reibungs- und lautlos und stellt eine echte Hilfe dar.

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