IAA 2021: ACM City One - universeller Mikro-E-Van

Der ACM City One kommt in neuem Design, besticht mit pragmatischer 48-Volt-E-Mobilität, Digitalisierung und könnte auch für Lieferdienste ein ideales Gefährt sein. 

Viel Platz auf wenig Raum: Der ACM will eine Antwort auf den Platzmangel in Städten, aber auch den Lieferboom geben. | Foto: ACM
Viel Platz auf wenig Raum: Der ACM will eine Antwort auf den Platzmangel in Städten, aber auch den Lieferboom geben. | Foto: ACM
Johannes Reichel
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Dass auch Start-ups Autos nicht in Monaten aus dem Drucker purzeln lassen können, zeigt die Entwicklungszeit des SCM City One: Acht Jahre entwickelten Vorstandschef Paul Leibold und sein Team einen kompakten Stromer, der in seinem kistenhaften Ansatz an den Fiat Panda erinnert und so vor allem preiswert und praktisch ist – und viele Details anders macht als alle anderen.

Produktion bei Magna International

Dass das Projekt Zukunft hat, belegt die Tatsache, dass Magna International, wo man das Mercedes-Benz G-Modell oder den Jaguar I-Pace fertigt, die Produktion übernehmen soll: Magna ist auf professionelle Großserie spezialisiert. Auch im Beirat konnte ACM einen Hochkaräter verpflichten, der an das Projekt glaubt und Magna kennt: Es ist der Ex-Opel Chef Karl-Thomas Neumann, der zu dem Deal mit Magna erklärt:

„Die setzen nur ihre Ressourcen und Ingenieure ein, wenn sie an das Projekt glauben“.

Mit dem City One zielt ACM vor allem auf Taxifirmen, Leasingunternehmen und andere Flottenbetreiber – vor allem in Asien oder Afrika. Und hier will ACM gleich mit großen Stückzahlen durchstarten. Unterschrieben seien bereits Absichtserklärungen für den Absatz von insgesamt 208.000 Fahrzeugen – was rund drei Milliarden Euro Umsatz bedeuten würde. Bisher konnte Leibold, der seine Karriere einst bei BMW begann, rund 40 Millionen Euro Investorengelder einsammeln, aktuell läuft eine neue Finanzierungsrunde, die größer ausfallen soll: Man sei auch mit strategischen Investoren aus dem arabischen und asiatischen Raum im Gespräch, wo sich weitere Absatzmärkte für das Projekt finden.

Zusatzreichweite über kleine "Akkukoffer", einfache Lademöglichkeiten

Was den City One von fast allen anderen Start-ups differenziert: Er ist komplett aus Kundenperspektive konstruiert und begnügt sich mit kleinen Akkus und einfachen Lademöglichkeiten. Das neuartige Batteriesystem besteht aus einem fest installierte Lithium-Ionen-Akku sowie kofferartigen Wechselbatterien, die zusammen eine Reichweite von bis zu 240 Kilometern ermöglichen sollen. Diese wiegen je zehn bis zwölf Kilogramm und stecken im Kofferraum, optional können sie auch auf dem Dach mitgenommen werden. Der Vergleich mit „Akkukoffern“ trifft es ganz gut: Sie können mit wenigen Handgriffen getauscht respektive ein- und ausgesteckt werden. Sie liefern so 100 bis 120 Kilometer Extra-Reichweite, je nach Bedarf. Die Batterien des mit 48 Volt-Technik agierenden City One können an jeder Haushaltssteckdose in acht Stunden aufgeladen werden, an einer Ladestation in fünf Stunden.

Nüchtern-pragmatisches Interieur, robust und leicht zu säubern

Karosserie und Innenraum sind extra nüchtern und einfach gehalten, um das Fahrzeug leicht reinigen zu können und im kastenförmigen Heck auch nutzbaren Raum für Logistiker schaffen zu können. Optisch schuf Designer Peter Naumann eine zeitlose Optik mit Rundscheinwerfern vorn und gesickten Flächen – das bringt Stabilität und senkt die Kosten. Denn der ACM City One soll je nach Ausstattung 10.000 bis 15.000 Euro kosten, was im Vergleich zu Dacia Spring und Co. so günstig nicht ist. Doch hier ist laut Neumann durch Entwicklungs- und Produktionskosten nicht mehr viel Luft nach unten. Dafür dreht ACM massiv an der Schraube der Gesamtkosten, also der „Total Cost of Ownership“, mit denen professionelle Nutzer und Flotten kalkulieren.

Durchdigitalisiert: Viele ganz neue attraktive Ideen 

Und da gibt es neben günstigen Unterhalts- und im Crashfall Reparaturkosten einige neue Ideen: So zum Beispiel Werbeeinnahmen: Denn auf der Hecktür kann auf einem bis zu 40-Zoll-großen Digitalmonitor digitale Werbung abgespielt werden. Laut ACM könnten Flottenbetreiber damit jährlich mindestens 3000 Euro einnehmen, die sich ACM mit Werbepartnern und Nutzern teilt. Das Fahrzeug könnte also seinen Kaufpreis nach einigen Jahren über Werbung wieder hereinfahren. Ob das dann der Verkehrssicherheit der hinter dem ACM fahrenden zuträglich ist, sei mal dahingestellt. Dass der City One entgegen seiner Optik komplett durchdigitalisiert ist, verrät die digitale Plattform, mit der ACM das Business steuern will.

Mit im Boot: Die Porsche-Tochter MHP

Hier kooperiert man mit der Porsche-Tochter MHP und programmiert dafür Angebotsmodelle. Damit könnten Firmen oder Privatkunden die Fahrzeuge für Auftragsfahrten buchen und so Leerfahrten vermeiden oder Versicherungen könnten die Fahrzeugdaten gegen Geld auswerten. Die vielen Optionen unterscheiden den City One von so vielen anderen Anbietern und scheinen gut anzukommen, bei ähnlich tickenden Kunden: So soll die chinesische Mobilfunkkette D.Phone bereits 35.000 Fahrzeuge geordert haben, um sie Kunden mit einer Flatrate anzubieten. Doch dafür muss ACM die Fahrzeuge und die Daten liefern.

Deshalb will das bisher sehr schlank agierende Unternehmen kurzfristig bis zu hundert Mitarbeiter einstellen, die vor allem im Software- und Entwicklungsbereich tätig sind. Trotzdem will ACM selbst „schlank“ bleiben und so viele Abläufe wie möglich outsourcen, darunter die Produktion. Klare Ansage von Leibold, der nicht mehr als 300 Mitarbeiter direkt beschäftigen möchte:  

„Wir wollen klein bleiben.“

Aber auch potenzielle Mitarbeitern scheinen den Ansatz ACMs zu schätzen: Auf eine Stellenausschreibung von zehn Positionen sollen sich laut Leibold tausend Bewerber gemeldet haben, was ihn bestätigt:

„Immer mehr Menschen erkennen, dass die Klimawende radikale Lösungen braucht.“

LOGISTRA-Kommentar:

Der ACM City One will zurück zur Einfachheit und durch den Flotten- und Sharingaspekt die Stehzeiten massiv reduzieren. Dazu kommen eine lange Entwicklungszeit und spannende digitale Infrastruktur, die in ihrer Vielfältigkeit der Ansätze und Ideen weit über bisherige Modelle hinausreicht. Das Ganze wird von Magna produktionstechnisch professionell unterfüttert. So klein und einfach der ACM City One aussieht, so komplex und professionell wirkt die Umsetzung.

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