International Cargobike of the Year 2022: Mubea, Riese & Müller und Nüwiel siegen

Nach intensivem Test auf der Messe holen sich unter 27 Kandidaten der Trailer von Nüwiel, das Long John Transporter2 von Riese & Müller sowie das Quad Cargo von Mubea die Awards. Übergabe durch VDA-Geschäftsführer Jürgen Mindel, powered by RLVD und LOGISTRA. Hohes technisches Niveau im Wettbewerb.

Großer Bahnhof für die Bikes: Auf der IAA TRANSPORTATION wurden die Preise für die besten Lastenradinnovationen übergeben. | Foto: VDA
Großer Bahnhof für die Bikes: Auf der IAA TRANSPORTATION wurden die Preise für die besten Lastenradinnovationen übergeben. | Foto: VDA
Johannes Reichel

Nach einem intensiven Test auf dem Lastenrad-Parcours der IAA TRANSPORTATION in Hannover haben die Hersteller Mubea mit dem Cargo, Riese & Müller mit dem Transporter2 sowie Nüwiel eTrailer die Preise zum "International Cargobike of the Year 2022" abgeräumt. Bei der Übergabe der Preise betonte VDA-Geschäftsführer Jürgen Mindel, dass Lastenrädern auf dem Weg zu einer klimaneutralen Logistik eine ganz wesentliche Rolle in der Transportkette zukomme. Daher begrüße man die Branche und ihre innovativen Produkte auf der Messe ganz ausdrücklich und lud die Teilnehmer ein, auch 2024 wieder in Hannover präsent zu sein. Die gewaltige Transformation zur Dekarbonisierung des Verkehrssektors werde nur im Zusammenspiel aller Beteiligten gelingen, dafür wolle die IAA TRANSPORTATION eine Bühne bieten.

Der VDA war auch in Kooperation mit dem Radlogistik-Verband Deutschland (RLVD) Partner des Lastenradpreises, der von Fachzeitschrift LOGISTRA aus dem HUSS-VERLAG 2019 initiiert worden war. Die IAA hatte dem Thema neben dem Parcours auch mit einer Last Mile Area Rechnung getragen, auf dem diverse Cargobikehersteller Präsenz zeigten. Im Rahmen der IAA Test Drives und des IAA Cargobike Parcours fanden laut VDA rund 7.500 Testfahrten statt und  Besucherinnen und Besucher konnten die neuesten Modelle unter realen Bedingungen testen. Sechs Hersteller von Lastenrädern waren auch als Aussteller auf der Messe präsent.

Zudem waren viele der Lastenrad-Hersteller zugleich Teilnehmer an der parallel zur IAA TRANSPORTATION stattfindenen 3. Nationalen Radlogistik-Konferenz in Hannover, um zum Anschluss am Wettbewerb auf der Messe teilzunehmen. RLVD-Vorstand und Juror Martin Schmidt betonte den Beitrag, den Lastenräder im Gefüge der urbanen Logistik leisten könnten, nicht in Konkurrenz, sondern als intelligente, klimafreundliche, performante und platzsparende Ergänzung zu Transportern und Lkw. Man wolle gemeinsam mit allen Beteiligten an der Transportkette mitwirken, die Logistik umweltfreundlich zu gestalten.

Der Award ging mit einer Rekordbeteiligung von 27 Kandidaten in die neue Runde, was das hohe Entwicklungstempo und die Innovationsfreude der jungen Branche unterstreicht, wie LOGISTRA-Ressortleiter Test+Technik und Initiator des Awards Johannes Reichel bei der Verleihung betonte. Entsprechend schwer fiel auch die Auswahl, die von einer Jury aus Praktikern und Spezialisten vorgenommen wurde, bei vielen guten Bikes am Ende auch nach dem Auschlussverfahren und striktem "Besser-schlechter"-Prinzip. Zu den Juroren zählten neben Reichel der Radlogistiker Thomas Schmitz von der Firma Radlader aus Mainz, Radlogistiker Martin Schmidt von Cycle Logistics in Berlin sowie Cargobikedesign-Spezialist Satish Kumar Beella von der Hague University of Applied Sciences.

Die Sieger in den einzelnen Klassen:

Light Cargobikes

  1. Riese & Müller Transporter2
  2. Urban Arrow Craft L
  3. Gleam Escape

Heavy Cargobikes

  1. Mubea Cargo
  2. tricargo Lademeister
  3. Rytle MovR3

Bike-Trailer:

  1. Nüwiel eTrailer
  2. wuppdi
  3. Carla Cargo

      Zur Begründung:

      In einem generell engen Rennen fiel den Juroren die Auswahl in einem quer durch alle Klassen mittlerweile dichten und hochseriösen Feld an Bewerbern wahrlich nicht leicht. Das technische Niveau hat sich deutlich nach oben entwickelt und schlechte Bikes gibt es eigentlich nicht mehr. In vielen Aspekten kommt es auch auf den speziellen Einsatz an, ob etwa ein Bike mit festem Aufbau oder mit Wechselkoffer besser geeignet ist. Generell wurden alle Bikes von allen vier Juroren bei dem Event gefahren und anhand des Fahreindrucks, aber auch der technischen Daten wie Nutzlast, Volumen, Maße, der Solidität und Robustheit des Konzepts, der Wartungsfreundlichkeit sowie nicht zuletzt des Preises beurteilt. 

      Light Cargobikes: Für alle urbanen Fälle

      Bei den leichten Lastenrädern setzte sich mit hauchdünnem Vorsprung das klassische Long John von Riese & Müller Transporter2 durch, das mit einem dediziert fürs Gewerbe konzipierten, komplett neuen und steifen Rahmen, extrem leichtem und agilem Handling sowie geschmeidigem, leisem und stufenlosem Bosch-Performance-Enviolo-Antrieb sowie einem genialen Ständermechanismus und einem höhenverstellbaren Lenker gefiel, zudem einen fairen Preis (ab 6.200 Euro) und bessere Nutzlast dank niedrigerem Leergewicht und mehr Gesamtgewicht auffuhr.

      Kaum weniger geschmeidig bewegte sich das ebenfalls als klassisches Long John konzipierte Urban Arrow Craft L, das zudem auf eine solidere Box verweisen kann, das aber mit seiner sehr aufrechten Sitzposition und dem weichteren Hinterbau die Abstammung vom Privatbike derzeit nicht leugnen kann und auch preislich deutlich höher ansetzt (ab 8.200 Euro).

      Das Gleam Escape überzeugte als "Long Tail" zwar auf ganzer Linie in Sachen Agilität mit seinem raffinierten Neigetechnik-Mechanismus, lässt sich dynamisch fahren, nimmt dank aufwändiger Einzelradaufhängung mit Federung auch Stufen oder Bordsteine locker und hält für das gebotene technische Niveau auch preislich Maß (ab 7.500 Euro). Für die Praktiker unter den Juroren war das allerdings weniger relevant, als das alltägliche Handling und hier wurde das aufwändigere Auf- und Absteigen mit dem Neigesystem moniert.

      Heavy Cargobikes: Ersetzen einen Klein-Transporter

      Bei den schweren Bikes konnte sich am Ende nach Berücksichtigung aller wesentlicher Kriterien wie Handling, Komfort, Nutzlast, Agilität, Solidität und Preis dem "Ausschlussprinzip" das Mubea Cargo bei allen vier Juroren klar durchsetzen. Das von der neuen Sparte U-Mobility des Automobilzulieferers mit viel automotivem Know-How komplett neu entwickelte und noch schön kompakt bauende Bike punktete mit erstklassigem, sicheren und präzisen Handling, leichtem Zustieg, kräftigem Antrieb, hoher Solidität und Qualität an Fahrwerk und Rädern, kombiniert mit einem professionellen Junge-Kofferaufbau, bis 500 Kilo Gesamtgewicht sowie einem hoch attraktiven Preis (ab 10.490 Euro). Zu wünschen wäre hier nur noch eine leichtgängigere als die etwas sperrige Rohloff-Schaltung. Wobei die nächste Evolutionsstufe mit einem Alu- statt Gfk-Rahmen samt rutschfester Trittfläche mittig und dem automatischen 48-Volt-System Cyclee von Valeo mit integrierter Motor-Getriebe-Einheit bereits am Stand zu bewundern war.

      Da verblieb dem Vorjahreszweiten, dem tricargo Lademeister, "nur" der zweite Sieg, der aber verdient ist mit einem nach wie vor sehr praxisgerechten Package als klassisches und nur 90 Kilo leichtes und doch bis 425 Kilo tragfähiges Lasten-Trike samt seinen feinen Fahrradgenen mit hoher Wendigkeit fast auf der Stelle, schöner Sitz- und Tretposition, geschmeidigem Puma-Mac-Vorderradantrieb kombiniert mit leicht schaltbarem und robustem Pinion-Getriebe, robusten Motorradteilen, leichter Wartung und Zugänglichkeit, hoher Nutzlast und 2,2 Kubik Volumen im soliden und selbstgefertigten Aufbau - das alles zu einem fairen Preis (ab 13.500 Euro, inklusive Box!).

      Die Neuauflage des schweren Rytle, der MovR3, wiederum zeigte die steile Lernkurve des Herstellers und brachte neben dem beidseitigen Einstieg deutlich mehr Komfort, leiseren Antrieb und leichteres Handling auf die Straße. Zudem punktete das mit 252 Kilo leer ganz schön schwere, mit 622 Kilo Gesamt aber auch tragfähige Bike mit seinem E-Lift im Heck, der Palettentauglichkeit für Stückguteinsatz und dem Ökosystem mit Wechselaufbau in den im Lkw-Bereich gängigen Container- und Euro-Normen. Größter Nachteil des mit 1,30 Meter leider auch sehr breiten Bikes: Der ebenso üppige, fast kleintransportermäßige Preis von 19.900 Euro.

      Wobei man sagen muss: Aufstrebende Hersteller wie das ebenfalls überzeugend, mit einem top Fahrwerk und tollem Aufbau gesegnete Antric One des Bochumer Start-ups, die noch früh in der Entwicklung stehen, drängen mächtig nach und der Vorjahressieger Vowag Cargo M ist nach wie vor ein exzellenter Schwertransporter, der weiter verfeinert wurde um einen Pendix-Generator zum Heckantrieb und der als Prototyp mit feinem Rapid-Kofferaufbau schon in einer cool gemachten geschlossenen Variante mit Kabine zu bewundern war. Auch das Invelo:4 (vomals A.NT Cargo) von B&P manufacturing operiert mit go-kart-artigem, aber im Lieferalltag eher unkomfortablem, dafür hochsolidem Fahrwerk und robustem Kettenlos-Antrieb in Schlagweite und wird immer besser.

      Bei den guten Neige-Trikes von Urban Mobility, das sich deutlich verbessert zeigte (Federgabel, größere Räder/Bodenfreiheit) und dem Newcomer aus den Niederlanden Fulpra überzeugte letzteres dank gefühlvollem Handling noch mehr. Dennoch sahen die Juroren mehr Nachteile und kaum Vorteile der (etwas fahrdynamischeren) Neigetechnik gegenüber dem klassischen tricargo oder den nicht ganz so überzeugenden, aber auch guten Trikes von Kleuster (Freegones) oder trips. Aufgrund des schwerfälligen Handlings und der mauen Bodenfreiheit konnte sich das sehr lange und ziemlich breite ONO nicht weiter vorne platzieren. Man darf in jedem Fall auf das nächste Jahr gespannt sein.

      Cargobike-Trailer: Wenn jedes Rad zum Lastenrad wird

      In der viel unterschätzten, aber mittlerweile auch gut bestückten Klasse der Lastenanhänger gewann am Ende der Trailer, der tatsächlich jedes Rad zum Lastenrad macht und das professionellste Package geschnürt hat: Der dreirädrige, kompakte Nüwiel eTrailer gefiel den Juroren mit seinem geschmeidigen Antrieb, der auch bei unmotorisiertem Zugfahrzeug brav und wohldosiert schiebt, präzise (auflauf)bremst und eine hohe Wendigkeit des Gespanns sicherstellt. Zudem ist auch ein Einsatz als autarker Handwagen möglich. Nachteile: Das üppige Gewicht des Stahlrahmentrailers von 120 bis mit 1m³-Box 180 Kilo und der mit 6.500 Euro ziemlich hohe Preis.

      Deshalb fuhr knapp dahinter auch der brandneue, mit 65 Kilo leer deutlich leichtere und um 180 Grad wendige, dreirädrige wuppdi eines Start-ups aus Berlin auf's Podium, der auf Euro-Boxen-Maß mehr Platz und bei 365 Kilo Gesamtgewicht auch Nutzlast zu günstigeren Kosten (ab 3.890 Euro, ohne Motor) bietet, zudem vielseitiger einzusetzen ist. Einzig über die nackelige, zwiespältige Verankerung an der Sattelstütze sollte man in Anbetracht der Gesamtgewichte noch einmal nachdenken. Eine Version mit Radnabenantrieb ist in Vorbereitung, diverse Aufbauten wie Plane, Rampe, Container auf dem Stahlrahmenchassis verfügbar, die Ladungssicherung zwischen den Holzverkleidungen fällt leicht, zum Verstauen ist der Trailer sogar aufrichtbar, die Heidenau-Reifen an den Druckgussrädern sorgen für Vertrauen.

      Dinge, in denen die Carla Cargo auf Platz 3 schon deutlich weiter vortgeschritten ist, fast schon ein Klassiker. Viel vorwerfen kann man der stetig weiterentwickelten Carla nicht, hochsolider Stahlrahmen, hochwertige Machart, solider Bafang-Nabenmotor, der wohldosiert und fast unhörbar mitschiebt, rasch reagierende Auflaufbremse, tolle Sonderaufbauten bis hin zur rollenden Postbox oder dem LoadHog für Eurokisten. Nur der üppige Preis (ab 7.000 Euro) und Länge von über drei Meter verhindern eine Platzierung noch weiter vorn.

      Neue Trailer setzen Akzente

      Clevere Akzente bei den Trailern setzten ansonsten der neue, tragfähige und robuste AL-KO Bike Trailer mit supergünstigem Preis (ab 1.700 Euro) und vielen Komponenten und Know-How aus dem Auto-Anhängerbereich samt der Blechprofile, dem aber ein Motor fehlt, um ihn mit seiner Kugelkopfkupplung als Ersatz für ein schweres Lastenrad einzusetzen. Schlau gemacht ist auch der (wahlweise elektrisch unterstützte) extrem robuste und ultrakompakte e2trail, der dank Hubfunktion Palettentransport (eher über kurze Strecken oder intralogistisch) ermöglicht, sich zerlegen lässt und dann ein zweites Leben als Sackwagen führt, ab 3.500 Euro bei 250 Kilo Gesamtgewicht fair gepreist.

      Ein Floh oder besser die "Ameise" unter den Bike-Trailern kommt aus der Schweiz: Der polyroly einer Schweizer Konstrukteurin und Bikelogistikerin schafft mit ultraleichten 9,3 Kilo Gewicht seiner raffiniert und nach dem Fachwerkprinzip zusammengeführten Chromstahlstreben ein technisches Gewicht von bis zu 300 Kilogramm, ist in diversen Größen modular einsetzbar und ab 1.500 Euro ein sehr günstiger Einstieg in die Lastenradlogistik, der aber ein entsprechend starkes Zugfahrzeug erfordert.

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