Interview Fahrwerker: Warum es eigene Komponenten für Lastenräder braucht

Im Gespräch mit Geschäftsführer und Gründer der Lastenrad- und LEV-Komponentenschmiede Fahrwerker Jochen Coconcelli wird klar, dass es eigenständiges und standhaftes Material für gewerbliche Cargobikes braucht, sollen sie die erhoffte Rolle als "game changer" der urbanen Logistik einnehmen.

Auf das spezielle Wohl: Fahrwerker stößt in die Nische zwischen Bike und Motorbike und will sich als Standard bei den Schlüsselkomponenten der gewerblichen Cargobikes etablieren. | Foto: Fahrwerker
Auf das spezielle Wohl: Fahrwerker stößt in die Nische zwischen Bike und Motorbike und will sich als Standard bei den Schlüsselkomponenten der gewerblichen Cargobikes etablieren. | Foto: Fahrwerker
Johannes Reichel

LOGISTRA: Ihr hattet "Parts-Premiere" auf der 2. Nationalen Radlogistikkonferenz in Frankfurt 2021. Frage damals wie heute: Eigenständige Komponenten für Lastenräder – warum braucht’s denn so was? Es gibt doch schon performante Fahrrad- und, preiswerte wie robuste, Motorradtechnik.

Jochen Coconcelli: Wir haben ein leichtes, robustes, servicefreundliches und hydraulisches (Mineralöl) Bremssystem entwickelt für E-Bikes, Lastenräder und LEV‘s im gewerblichen sowie privaten Einsatz. Mit Fokus auf lange Standzeit (Laufleistung über 5.000 km) für Einspurfahrzeuge, zweirädrige und dreiräderige Fahrzeuge. Herkömmliche Fahrradkomponenten sind standardmäßig entwickelt für Systemgewichte bis 150 kg und definitiv nicht für den gewerblichen Dauereinsatz mit Schwerlasten.

Motorradkomponenten sind für ähnliche Gewichte, aber deutlich höhere Geschwindigkeiten ausgelegt und oft überdimensioniert und unnötig schwer. Sie erfüllen zwar meist Automotive- Standards, was aber auch zu Nachteilen führt, wie zum Beispiel umweltschädliche Bremsflüssigkeiten. Zudem sind diese Komponenten für den Fahrzeughersteller in kleinen Stückzahlen schwer zu erwerben.

LOGISTRA: Was unterscheidet die Fahrwerkerbremse von Bike- und Motorradkomponenten?

Jochen Coconcelli: Wir nutzen die Vorteile aus beiden Welten, die Robustheit und Langlebigkeit der Motorradkomponenten gepaart mit den Anbaustandards und der Leichtigkeit von Fahrradkomponenten. Also eine clevere Mischung. Dadurch erzielen wir einen deutlichen Unterschied in der Performance und der Anmutung.

LOGISTRA: Vermutlich kosten die Fahrwerkerkomponenten dafür deutlich mehr als Motorradteile und ebenfalls mehr als die, in Relation zur Automotive-Branche teuren, B2C-Radkomponenten. Wie rechtfertigt sich der Mehrpreis?

Jochen Coconcelli: Nein! Unser Netzwerk an Top-Lieferanten und die eigene Produktion in Metzingen führen zu attraktiven und marktgerechten Preisen bei hohem Qualitätsniveau. Unser Baukasten bietet individuelle Lösungen für alle unsere Kunden. Ein Preisvergleich mit Komponenten, die in millionenfacher Stückzahl in Asien, mit mittelmäßiger Qualität produziert werden, bietet hier keine Vergleichsgrundlage.

Das Bremssystem ist eine sicherheitsrelevante Komponente! Sicherheit sollte jedem Fahrzeughersteller und Nutzer einen gewissen Preis wert sein.

LOGISTRA: Wie hoch sind die Standzeiten der Bremse und wie genau wird das realisiert?

Jochen Coconcelli: Deutlich über 5.000 km! Unser organischer Bremsbelag zeichnet sich durch hohe Haltbarkeit und Zuverlässigkeit aus. Dank seiner speziellen Zusammensetzung und einer großen Reibfläche bietet er eine starke Bremsleistung bei geringem Verschleiß. Um dies zu erreichen, wurde das Belagsvolumen maximal ausgenutzt. Der Reibring der Bremsscheibe wurde entwickelt, um optimal mit dem Bremsbelag zusammenzuarbeiten. Mit einer Höhe von 20 mm bietet der Reibring eine große Kontaktfläche, um die bestmögliche Bremskraft zu erzielen. So kann mit weniger Systemdruck und geringerer Handkraft eine stabile und gleichbleibende Leistung sichergestellt werden.

Wir entwickeln unsere Bremsbeläge und Bremsscheiben kontinuierlich weiter, dabei erreichen wir bereits jetzt bei ersten Feldtests Laufleistungen über 10.000 km.

LOGISTRA: Bräuchte es nicht auch differenzierte Bremssysteme für leichte und schwere Lastenräder, eventuell sogar für Trailer?

Jochen Coconcelli: Unser Baukasten kann genau diese Anforderungen abdecken. Der Durchmesser unserer Bremsscheiben 180/200/220 mm ist hierbei ein Stellhebel. Zudem bieten wir auch Bremssysteme für Trailer an.

LOGISTRA: Ist das System auch nachrüstbar?

Jochen Coconcelli: Ja, für alle Fahrräder, E-Bikes, Lastenräder und LEV’s. Hierbei greifen wir auch auf unseren Baukasten zurück und bieten diverse Adapter sowie Anbaustandards der Bremsscheiben an (6L, Rohloff, 3x3). Wir bieten zudem attraktive Bremsen-Sets neben B2B auch für B2C an.

LOGISTRA: Bei welchen Herstellern kommen die Bremsen schon zum Einsatz und wie sind die Erfahrungen in der Praxis?

Jochen Coconcelli: Unsere Kunden geben uns ehrliches Feedback von der ersten Testfahrt bis zum Serieneinsatz sowie der Installation. Neben viel Lob hinterfragen wir aber auch kritisch und wollen unser Produkt kontinuierlich verbessern. Zu unseren Kunden zählen unter anderem die Deutsche Post AG, Onomotion, Mäx&Mäleon, Radkutsche, Citkar, UrbanMobility, Veload und vielen weitere.

LOGISTRA: Immer wieder hört man aus der Praxis, die meisten Mängel fallen an Reifen, Rädern (inklusive Speichen), Gabeln und Bremsen an, sodass ein wirtschaftlicher Betrieb einer Lastenradflotte stark erschwert wird. Wie will Fahrwerker das ändern und wie sind die weiteren Pläne?

Jochen Coconcelli: Das sind genau die Problemfelder und daher war es eine logische Konsequenz, das Bremssystem zuerst für den Serieneinsatz zu entwickeln. Weiterhin bieten wir jetzt schon Federgabeln für schwere, dreirädrige Fahrzeuge an.

Auf der Eurobike haben wir bereits den Prototypen von unserem Laufrad aus Aluminium Druckguss vorgestellt. Wir entwickeln dieses Laufrad mit einem Automotive-Zulieferer.

Die Produktion wird in Deutschland erfolgen. Alle einzelnen Komponenten werden wir zukünftig als abgestimmtes System anbieten. Dabei legen wir weiterhin Wert auf die Robustheit und die lange Haltbarkeit der Komponenten und Systeme, welche direkt die TCO positiv verändern.

LOGISTRA: Im Nutzfahrzeugbereich hängt der Erfolg eines Herstellers entscheidend vom Service und der After-Sales-Kompetenz ab. Wie wollen Sie ein flächendeckendes Servicenetz mit entsprechendem Know-How sicherstellen?

Jochen Coconcelli: Wir arbeiten mit Servicepartnern, wie bspw. 2-Rad-Meyer in Deutschland zusammen. Diese Servicepartner sind für die Flottenbetreiber im Einsatz. Das Fachpersonal dieser Servicepartner schulen wir vor Ort, bei uns oder online. Ersatzteile sind entsprechend dezentral lagernd. Zudem haben wir einen eignen Techniker, welchen wir im Servicefall einsetzen.

Ersatzteile können zudem direkt bei Fahrwerker bestellt werden und sind in der Regel innerhalb von 1-2 Tagen beim Kunden. Selbiges Konzept weiten wir in Europa nach und nach aus.

LOGISTRA: In der Pandemie war ein entscheidender Faktor die Lieferfähigkeit/-fristen bei Komponenten. Wie ist Fahrwerker hier positioniert – Stichwort Lieferkette?

Jochen Coconcelli: Wir produzieren unsere Bremssysteme im Haus und sind somit sehr agil. Unsere Einzelteile beziehen wir zum größten Teil aus Europa und wir haben mit unseren Lieferanten entsprechende Lieferverträge abgeschlossen. Unsere Verschleißteile wie Bremsbelag und Bremsscheibe stellen wir in Europa/Deutschland her. Vormaterial dazu haben wir ausreichend lagernd.