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Lkw-Fahrer: Fahrschulangebot speziell für Migranten

Ein neues Kursformat für Lkw- und Busfahrer geht in der Ausbildung speziell auch auf Sprachdefizite ein.

Bereits der vierwöchige Sprachkurs behandelt intensiv fachspezifisches Vokabular; zu den IHK-Prüfungsunterlagen in Deutsch gibt es ein muttersprachliches Vokabular und ein syrischer Fahrlehrer dolmetscht. | Bild: Mülln
Bereits der vierwöchige Sprachkurs behandelt intensiv fachspezifisches Vokabular; zu den IHK-Prüfungsunterlagen in Deutsch gibt es ein muttersprachliches Vokabular und ein syrischer Fahrlehrer dolmetscht. | Bild: Mülln
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Tobias Schweikl

Ein neues Kursangebot, das sich gezielt an Migranten mit Sprachdefiziten richtet, hat bei der Fahrschule Mülln in Köngen Ende Oktober mit 18 Teilnehmern begonnen. Die Männer, die im Schnitt 37 Jahre alt sind und überwiegend aus Syrien stammen, erwerben hier binnen sechs Monaten wahlweise den Führerschein für Bus oder Lkw.

Die Bundesagentur für Arbeit und einige Jobcenter finanzieren die Qualifizierung für diese Mangelberufe und ermöglichen den Männern, die meist Familienväter sind, damit dauerhaft, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu verdienen. Im Mai 2019 hatte die Fahrschule bei der Dekra die Zertifizierung für dieses neue Format beantragt, die im September bewilligt wurde.

„Binnen acht Tagen hatten wir die Kursteilnehmer beisammen,“ sagt Fahrschulinhaber Burkhard Mülln, der sich schon 2009 auf Förderprogramme für schwer vermittelbare Arbeitssuchende spezialisiert hatte.

Das waren anfangs Umschüler, die in ihren erlernten Berufen wegen Krankheiten oder Allergien nicht mehr arbeiten konnten. Zunehmend kamen aber Schul- oder Ausbildungsabbrecher und Migranten hinzu, bei denen es zudem an Sprachkenntnissen und Ausdrucksfähigkeit mangelte.

Spracherwerb an erster Stelle

Das neue Format sieht deshalb vor, den ersten Monat in Vollzeit nur Deutsch zu unterrichten. In täglich zehn Einheiten zu je 45 Minuten von 8 bis 17 Uhr wechseln sich Wortschatz-Training, Vorlesen, Diktat und Konversation zu allgemein relevanten und sozialen Themen, die deutsche Kultur und Demokratie prägen, ab. Der Schwerpunkt liegt bereits hier darauf, dass technische Vokabeln einfließen wie „Bremsscheibe“, „Reibwiderstand“ oder „Spurwechsel“, die für die Vorbereitung der Prüfung zum Berufskraftfahrer (IHK) relevant sind.

„Der Engpass jeder Ausbildung ist am Ende die IHK-Prüfung, die gesetzlich vorgeschrieben nur auf Deutsch erfolgen darf,“ sagt Mülln.

Und weil die Lehr- und Prüfmaterialien nur auf Deutsch vorliegen, erarbeiten Deutsch- und Fahrlehrer Vokabellisten, die auf deutsch-arabisch und in den anderen Sprachen der Teilnehmer, etwa türkisch, italienisch oder serbisch, zum Lernen und Verstehen in korrekten Begriffen zur Verfügung stehen. Parallel werden in Beamtendeutsch formulierte Prüfungsfragen allgemein verständlich umformuliert und im Unterricht besprochen, so dass die Schüler Sicherheit gewinnen.

Ein syrischer Fahrlehrer, der bis zur eigenen bestandenen Prüfung auf Deutsch als Praktikant bei Mülln arbeitet, assistiert und übersetzt bei Bedarf im Unterricht.

Fachvokabular von Anfang an

Günstig für den Erfolg der künftigen Absolventen ist, dass sich der Spracherwerb massiv auf die künftigen Anforderungen als Fahrer bezieht. So reden sie über gesunde Ernährung, etwa leichte Kost und Alkoholverzicht; lesen Texte über Ladungssicherung; das Diktat handelt von kraftstoffsparender Fahrweise und relevante Vokabeln aus dem Sozial- und Arbeitsrecht werden gebüffelt.

Nach dem vierwöchigen Sprachkurs beginnt die fachspezifische Ausbildung, die in den ersten vier Wochen auch rein aus Theorie besteht, wobei die Sprachkenntnisse weiter verfeinert werden. Erst danach beginnt die Aufteilung der Gruppe in künftige Bus- und Lkw-Fahrer mit spezifischen Anforderungen etwa in der Ladungssicherung oder Personenbeförderung.

Die sechsmonatige Ausbildung, für die Mülln über je drei eigene Lkw und Busse verfügt, umfasst mehrwöchige Praktika in Verkehrsbetrieben und Speditionen, so dass sich schon hier künftige Arbeitgeber und -nehmer kennenlernen.

Am Montag, 27. Januar, soll die zweite Kursgruppe mit bis zu 25 Migranten in Köngen starten. Und weil auch die Schulungsräume in Nürtingen und Leinfelden zertifiziert sind, kann die Fahrschule wohnortnah die Auszubildenden schulen und vierteljährlich eine Gruppe beginnen lassen, so dass jährlich rund 100 Absolventen die Prüfung ablegen und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Einzugsbereich sind die Jobcenter und Arbeitsagenturen in den Landkreisen Reutlingen, Göppingen, Rems-Murr und Esslingen sowie der Stadt Stuttgart.

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