MAN: Abschied von ZF-Getrieben - Scania-Hardware ist gesetzt

Nach dem vorzeitigen Ausscheiden von Ex-Chef Leif Östling drückt der neue VW-Lkw-Vorstand Andreas Renschler aufs Gas: Gemeinsam genutztes Scania-Getriebe, ein neuer schwerer Transporter und ein Dach, unter dem alle drei Marken zusammenarbeiten sollen.
Johannes Reichel

Die nächste Generation MAN-Trucks wird mit Scania-Getrieben ausgerüstet. Das hatte MAN zwar bereits im Umfeld der vergangenen IAA bekannt gegeben, die Information wurde aber jetzt anlässlich der Jahres-Pressekonferenz von ZF Friedrichshafen von Zuliefererseite bestätigt. Denn ZF fällt ab 2016 mit MAN natürlich ein wichtiger Abnehmer für die Lkw-Getriebe der AS-Tronic respektive auch potenzieller Kunde für das Nachfolger-Modell Traxon weg. ZF-Vorstandsvorsitzender Stefan Sommer bestätigte die Wichtigkeit der „laufenden Gespräche“ für die Friedrichshafener, bei denen es jetzt vor allem darum geht, inwiefern ZF noch Zulieferer bleiben kann, dann wohl für leichtere Lkw sowie Busse.

Hintergrund der Maßnahmen ist die mit dem gerade vollzogenen Antritt des neuen VW-Lkw-Vorstand Andreas Renschler und nach dem überraschenden vorzeitigen Ausscheiden des vormaligen Lkw-Vorstands Leif Östling forcierte Fusion von MAN und Scania unter dem Dach einer gemeinsamen Nutzfahrzeugholding. Zu der sollen zudem die leichten Nutzfahrzeuge sowie do-Brasil-Trucks von Volkswagen gehören. Schnittstelle zu den leichten Lkw von MAN, die mit der Baureihe TGL ab 7,5 Tonnen starten, wäre der neu entwickelte VW Crafter. Der soll 2016 vom Stapel laufen, derzeit wird ein komplett neues Werk in Polen errichtet. VW investiert in die Entwicklung des ambitionierten neuen Modells, das die Kooperation mit Mercedes in diesem Bereich beendet, zwei Milliarden Euro. Der usprüngliche Ansatz, dass MAN einen leichten Lkw für VW entwickelt, wurde nach ersten Ansätzen nicht weiter verfolgt. Der neue Crafter als lupenreines VW-Nutzfahrzeuge-Produkt im Corporate Design der Marke soll dem Vernehmen nach als schwere Version mit Hinterradantrieb und Zwillingsbereifung in den Sechs-Tonnen-Bereich vorstoßen und hier vor allem dem Iveco Daily Konkurrenz machen.

Bisher hatten MAN und Scania bis auf den Einkauf einiger Teile kaum die ursprünglich gewünschten Synergieeffekte erzielen können. Jetzt soll ein Kernstück des Antriebsstrangs, das Getriebe, sozusagen die Speerspitze beim Sparen bilden. MAN soll bei der Zusammenarbeit aber weiterhin die Getriebesoftware entwickeln, Scania stellt die Getriebehardware. Darüber hinaus wollen MAN und Scania die nächste Getriebegeneration dann komplett gemeinsam entwickeln – zumindest wird das laut MAN-Presseerklärung „angestrebt“.

Inwieweit als nächstes auch die Motoren und damit ein kompletter gemeinsamer Antriebsstrang von MAN und Scania auf der Agenda steht, etwa nach dem Modell Volvo und Renault Trucks, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Feststeht, dass MAN in dieser Hinsicht mit dem komplett neu entwickelten, im vergangenen Herbst zur IAA vorgestellten D38-15,6-Liter-Sechszylinder-Motor einen „Pflock eingerammt“ hat und über das im Vergleich zu Scanias V8 modernere Aggregat bei den Hochleistungstriebwerken verfügt. Denkbar wäre aber, dass man sich die Aufgaben teilt und MAN sich vornehmlich um kleinere und leichtere Aggregate für Verteiler- und schweren Verteilerverkehr sowie die Top-Klasse kümmert und Scania den Rest in Form des 9,3-Liter-Fünfzylinder-Motors und 13-Liter-Sechszylinder übernimmt. Die derzeit noch parallel angebotenen Aggregate-Reihen weisen ähnliche Leistungs- und Qualitätsmerkmale auf. Überschneidungen gibt es auch im Bereich Erdgasmotoren: Hier präsentierte MAN zur IAA einen neuen 6,9-Liter-CNG-Motor, Scania präsentierte den bereits davor verfügbaren 9,3-Liter-Erdgasmotor als langstreckentaugliche LNG-Version (Liquified Natural Gas).

Grundsätzlich sollen laut MAN-Lkw-Chef Anders Nielsen, der Gerüchten zufolge in der angestrebten Holding eine tragende Rolle etwa als Entwicklungschef spielen könnte, Synergien soweit genutzt werden, dass sie die Markenkerne von MAN und Scania nicht berühren. Auch die Vertriebs- und Serviceaktivitäten wolle man getrennt halten, heißt es in der Pressemitteilung.

MAN feiert unter diesen zwiespältigen Vorzeichen derzeit 100 Jahre Lkw-Bau und 60 Jahre Werk München: 1915 lief der erste Bald MAN-Saurer-3-Tonnen-Lastwagen die Fabrik in Lindau am Bodensee, 1955 begann die Fertigung im Werk an der Dachauer Straße. (jr)

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