Michelin feiert 100 Jahre Runderneuerung: Zweites Leben für den Pneu

Kosteneffizient, ressourcenschonend und nachhaltig - die Argumente sind zahlreich für runderneuerte Reifen. Daher setzt der französische Hersteller seit 100 Jahren auf das zweite Leben der Gummis. Beim Remix-Verfahren stehen Qualität, Sicherheit und Laufleistung im Mittelpunkt.

Runderneuerte Reifen aus dem Werk Homburg: Sie sehen nicht nur aus wie Neureifen. Sie sind auch so gut wie Neureifen. (Foto: Michelin)
Runderneuerte Reifen aus dem Werk Homburg: Sie sehen nicht nur aus wie Neureifen. Sie sind auch so gut wie Neureifen. (Foto: Michelin)
Johannes Reichel
(erschienen bei Transport von Christine Harttmann)

100 Jahre Runderneuerung - das zweite Leben für Reifen hat bei Michelin eine lange Tradition. Bereits 1923 setzte der Hersteller mit der Runderneuerung von Lkw-Reifen ein Zeichen für Nachhaltigkeit. Er verlängerte damit die Lebensdauer der Reifen und machte Ressourcenschonung bei gleichzeitiger Kostenersparnis möglich. 1930 folgte mit dem Michelin Metalic die nächste Innovation: Statt Textillagen verwendete das Unternehmen bei Lkw-Reifen Metalllagen, die wesentlich widerstandsfähiger gegen Straßeneinflüsse waren. Dank der robusteren Konstruktion konnten diese Reifen bis zu dreimal runderneuert werden.

Ganz wie ein Neureifen

Ende der 1940er Jahre kam der Radialreifen auf den Markt. Michelin wollte mit ihm einen neuen Standard in Sachen Langlebigkeit, Sicherheit und Kraftstoffersparnis setzen. In den folgenden Jahren adaptierte ihn der Hersteller auch für Lastwagen.

20 Jahre später entwickelte das Unternehmen das Remix-Verfahren, das es ermöglichte, die Lauffläche eines Reifens mit den gleichen Materialien und in der gleichen Bauweise wie bei der Produktion von Neureifen zu erneuern. Ein runderneuerter Reifen entsprach damit in puncto Sicherheit, Traktion und Haftung dem Originalreifen. Die Nachfrage stieg und die Produktion wurde auf die europäischen Werke in Stoke-on-Trent (Großbritannien, 1968), Homburg (Deutschland, 1971) und Valladolid (Spanien, 1974) ausgeweitet. Heute sind nahezu 100 Prozent der Lkw-Reifen von Michelin runderneuerbar.

Nachhaltiger und umweltschonender

Im Werk Homburg kann Michelin jährlich bis zu 620.000 Reifen ein zweites Leben schenken, berichtet Philipp Ostbomk, Vertriebsleiter Europa-Nord. Hinzu kommt eine Produktionskapazität von bis zu 310.000 runderneuerten Reifen im Lkw-Reifenwerk im britischen Stoke-On-Trent.

Seit Ende der 60er Jahre, so rechnet Ostbomk vor, haben in den beiden Werken rund 30 Millionen Lkw-Reifen durch Runderneuerung ein neues Leben erhalten. Das sind 30 Millionen Reifen, die weniger recycelt werden mussten. Das entspreche 2,1 Millionen Tonnen eingesparten Rohstoffen und fast 3,5 Millionen Tonnen CO2, die nicht in die Umwelt gelangten, wirbt der Vertriebsleiter für die gute Umweltbilanz der Lkw-Reifenrunderneuerung.

„Die Runderneuerung ist ein nachhaltigeres und umweltschonenderes Verfahren als die Neureifenfertigung und ein integraler Bestandteil von Michelins Angebot an Flotten und Transporteure. Unsere Kunden erwarten wirtschaftliche Lösungen, die ihnen Kosteneinsparung aufzeigen und sie dabei unterstützen, ihren Beitrag zu einem nachhaltigen Transport zu leisten. Wir bieten dafür innovative Lösungen und Services.“

Mit sehr guter Ökobilanz

Ostbomk erklärt auch, warum die Lkw-Runderneuerung so viel Einsparpotenzial bietet: Ein runderneuerter Reifen senkt die Gesamtbetriebskosten von Speditionen und Fuhrparks. Der Reifen kann seine Laufleistung um 100 Prozent steigern und ist im Schnitt rund ein Drittel günstiger als ein entsprechender Neureifen von Michelin. Zudem bleibt durch das Remix-Verfahren die Nachschneidefähigkeit erhalten. Pro Nachschneidevorgang kann die Laufleistung nochmals um durchschnittlich 25 Prozent gesteigert werden.

Die Runderneuerung trägt auch zur Ressourcenschonung bei: Der Karkasse müssen durchschnittlich nur 20 Kilogramm Rohstoffe hinzugefügt werden. Ein Neureifen benötigt rund 70 Kilogramm. Damit verbraucht ein runderneuerter Lkw-Reifen bis zu 70 Prozent weniger Rohstoffe als ein Neureifen. Hochgerechnet auf 100 runderneuerte Reifen bedeutet dies eine Einsparung von bis zu fünf Tonnen Rohstoffen und eine Reduzierung der CO2-Emissionen um mehr als sechs Tonnen.

Neun von zehn geeignet

Die Karkassen der Michelin Lkw-Reifen sind von Anfang an auf eine mehrfache Lebensdauer ausgelegt und können mindestens einmal runderneuert werden. Dennoch wird jeder Reifen vor der Runderneuerung von den Profis genau unter die Lupe genommen: Nur Lkw-Reifen, deren Karkasse auch nach dem Einsatz auf der Straße noch den Qualitätsstandards entspricht, bestehen die umfangreiche Eingangskontrolle durch technische Prüfungen mit Hilfe von Shearografie und Röntgentechnik sowie die visuelle und taktile Prüfung. Bis zu 90 Prozent der zur Runderneuerung angelieferten Lkw-Reifen erfüllen diese Kriterien der Eingangsprüfung.

Für 35 bis 40 Prozent der Reifen, die in der Runderneuerung landen, gilt: Der Kunde bekommt nicht irgendeinen Reifen, sondern seine eigene Karkasse zurück. Michelin verspricht, dass diese Kunden dann ein Produkt erhalten, das eins zu eins dem ursprünglichen Originalreifen entspricht.

Ein Leben nach dem Reifen

In Europa müssen alle Altreifen recycelt werden. Was passiert aber mit einem Reifen, der sich nicht mehr für die Runderneuerung eignet? Diese Reifen werden in Anlagen zu Gummigranulat und Stahl verarbeitet. Das so gewonnene Gummigranulat wird vor allem im Stadion- und Straßenbau sowie in Türdichtungen von Fahrzeugen verwendet. Auch der Reifenstahl wird recycelt und zu hochwertigem Stahl verarbeitet.

Weltweit erreichen jährlich rund eine Milliarde Reifen das Ende ihrer Lebensdauer. Deshalb forscht Michelin kontinuierlich an Möglichkeiten, Altreifen noch effizienter und innovativer zu verwerten. Dabei arbeitet der Reifenhersteller mit dem schwedischen Start-up-Unternehmen Enviro zusammen. Auf Basis einer von Enviro entwickelten Technologie können statt Gummigranulat verschiedene Rohstoffe wie Ruß, Öl oder Stahl aus Altreifen gewonnen und noch flexibler wiederverwertet werden.

Nach den derzeitigen Planungen sollen 90 Prozent der zurückgewonnenen Materialien für die Herstellung von Produkten auf Gummibasis verwendet werden. Um die Rohstoffe zurückzugewinnen, setzt Enviro ein neuartiges, patentiertes Verfahren ein. Mit dieser Technologie werden Reifen zu hochwertigen Rohstoffen recycelt.