Nissan NP300 Navara im Exklusiv-Fahrbericht: Der Steil-Transporter

Die Neuauflage des erfolgreichen Pritschengeländewagens überzeugt mit tadellosen Allround-Eigenschaften für Transport und Personenbeförderung. LOGISTRA hat ihn bereits exklusiv gefahren.
Stattliche Erscheinung: Bei stattlichen 5,33 Meter Außenlänge bleibt auf der Ladefläche nur für eine Euro-Palette Platz, falls nötig. / Foto: J. Reichel
Stattliche Erscheinung: Bei stattlichen 5,33 Meter Außenlänge bleibt auf der Ladefläche nur für eine Euro-Palette Platz, falls nötig. / Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Heute Maschinen auf die abseitige Baustelle transportieren, morgen die Familie über die Autobahn komfortabel ans Ziel chauffieren, kaum eine Fahrzeuggattung ist so vielseitig wie die Pickups. Kein Wunder, dass alle großen Hersteller seit Jahrzehnten in diesem weniger in Deutschland, aber weltweit äußerst bedeutenden Markt mitmischen wollen. Auch VW hat das vor einigen Jahren erkannt und den Amarok gelauncht, der seither in den Klasse den Maßstab setzte mit hoher Geländekompetenz bei gleichzeitig hohem Fahrkomfort: Ein sparsamer 2,0-Liter-TDI-Motor, wahlweise mit Biturboaufladung (in dieser Version vom Abgasskandal betroffen) und gekoppelt an permanenten Allrad oder ein Achtgang-Automatik-Getriebe, voll integriertes ESP inklusive Bergabfahrassistent, das ergibt eine enorm geschmeidige Kombination. Und VW will noch im Spätherbst mit einem Facelift und Euro-6-Motoren (mit SCR-Technik) nachlegen ... Doch mit der Neuauflage des Nissan NP300 Navara bekommt der hiesige Bestseller in jedem Fall starke Konkurrenz, der Hersteller verweist auf eine 80-jährige Erfahrung in der Gestaltung robuster Pritschenfahrzeuge für alle Wege - und die spürt man.

Nissan geht den Weg des Vorgängers, der als geländekompetenter SUV namens Pathfinder Dienst tat und von Haus aus gute Komforteigenschaften mitbrachte, konsequent weiter. Der Navara (Bildergalerie zum Test unter logistra.de) verfügt über die meisten der Sicherheitsfeatures seiner Pkw-Kollegen, inklusive Abstandswarner samt Notbremsassistent. Sehr hilfreich dabei, das 5,33-Meter-Schiff in der Stadt, aber auch auf engen Forststraßen oder Waldwegen kollisionsfrei zu manövrieren ist die Umfeld-Kamera, die sich bei niedrigerem Tempo aktiviert und so aus jeder Parklücke hilft. Mehr ein netter Gimmick ist dagegen die Around-View-Camera, die das Fahrzeug aus der Vogelperspektive zeigt. Beim Anfahren am Berg hält die Rückrollsperre entgegen den meisten Systemen nicht nur eine kurze Phase den Bremsdruck aufrecht, sondern solange, bis der Fahrer Gas gibt. Das wird per ESP, das bei Nissan VDC heißt, dermaßen gut geregelt, dass man die meisten Anfahrvorgänge im 4x2-Modus bewältigt. Früher hätte ein Pickup hier gnadenlos Kies aufgewirbelt, heute geht das gesittet von statten. [pagebreak]

Das heißt aber auch umgekehrt, dass man in den meisten Fällen keinen gewichtstreibenden Allrad braucht, ein Angebot, das Nissan aber nur für Spezialanwendungen und in der King Cab-Version macht. Der somit standardmäßige 4x4-Antrieb lässt sich beim NP300 leicht per Drehregler aktivieren. Nur in echtem Geländeeinsatz, auch wenn die optionale Untersetzung gefragt ist, ist der Antrieb über alle Räder wirklich vonnöten. Im Zusammenspiel von Mechanik und Elektronik ermöglicht dann der Bergabfahrassistent millimetergenaues und kinderleichtes Fahren im Gefälle. Das funktioniert im Nissan Navara nicht weniger geschmeidig wie bei den Kollegen von VW, die in Sachen Elektronikintegration hier bisher die Nase vorn hatten. Dezente Bremseingriffe durch das ESP halten die schon leer über zwei Tonnen schwere Fuhre im Zaum. Wer manuell regelt oder schneller bergabfahren will, den nervt gelegentlich, dass man den Gang für höhere Motorbremskraft manuell einsteuern muss. So weit denkt die Sieben-Stufen-Automatik, die ansonsten recht geschmeidig die Gänge sortiert, nicht. Erwartet man von einem Pickup, der im Grunde seines Herzens ja ein Geländewagen ist, gute Geländegängigkeit, erstaunt umso mehr, wie sehr der neue Nissan-Pickup das andere Ende der Range beherrscht. Klar, man merkt schon am hohen Einstieg und dem traditionell flachen Boden im Inneren, dass hier eine Kabine auf einen Leiterrahmen montiert wurde, mithin eine robuste Lkw-Konstruktion zugrunde liegt.

Dank für den edleren Double-Cab obligater Multilink-Hinterachse (bei King Cab Starrachse mit Blattfedern) und Einzelradaufhängung vorn legt der Navara aber einen durchaus beachtlichen Federungskomfort an den Tag. Im Vergleich zum Vorgänger bekommt der Fahrer längst nicht mehr so viele Vibrationen vom Fahrwerk ab, zudem zeigt sich der Navara bestens gedämmt. Wer mit 140 km/h über die Autobahn schnürt, kann sich problemlos auch mit den Passagieren im Fond unterhalten. Die genießen im übrigen in der Double Cab Version fürstlichen Beinraum, hocken aber bauartbedingt mit etwas stark angewinkelten Beinen auf der tendenziell zu kurzen Sitzbank. Wer es drauf anlegt, den bringt der NP300 mit bis zu 180 km/h ans Ziel, anders als früher bei Pickups fühlt man sich auch auf Tempo nicht unsicher. Im Zweifel wacht im Hintergrund ein Auffahrwarner, der nötigenfalls auch selbsttätig in die Bremse eingreift. Apropos: Auch die Stopper, vorne innenbelüftete Scheiben, hinten traditionell Trommeln, packen vertraueneinflößend zu. Tempoorgien sollte man sich aber schon im Hinblick auf den Verbrauch sparen, denn dann schnellt die Anzeige im informativ gemachten Bordcomputer weit über die 14-Liter-Marke. Im wie stets moderat gefahrenen Mischbetrieb 300 km Stadt/Land/Autobahn, überwiegend im 4x2-Modus kamen wir mit ordentlichen 8,0 l/100 km über die Runden. Das ist in Anbetracht der üppigen Leistungsreserven des 190-PS-Common-Rail-Turbodiesels kein übler Wert. [pagebreak]

Der 2,3-Liter-Biturbo-Motor aus dem Renault Master belässt es einstweilen bei der Erfüllung der Norm Euro 5b+. Wahrscheinlich, dass Nissan die technische Verwandtschaft nutzt und nach dem Renault-Vorbild die Euro-6-Frage mit SCR-Technik löst. Der Motor lässt nur beim Start dezent brummend von sich hören, tritt dann aber komplett in den Hintergrund. Man hört umso weniger von ihm, als Drehzahlorgien in Anbetracht von 450 Nm Drehmoment völlig unangebracht wären, die Automatik trägt dem Rechnung und stuft recht schnell hoch. Tadellos präsentiert sich die Verarbeitung des Fahrzeugs: Auch hier steht der Nissan dem Amarok oder dem Qualitätsprimus Toyota Hilux in nichts nach. Auch im Gelände lässt sich die zudem recht wertig anmutende Armaturenlandschaft kein Knistern entlocken. Alles sitzt und passt, die schweren Türen fallen mit sattem Plopp ins Schloss. Die Karosserie wirkt auch bei groben Schlaglöchern oder Forstwegen wie die sprichwörtliche Burg und der Navara verwöhnt in der höheren Tekna-Version zudem mit nicht unbedingt klassenüblicher Lounge-Atmosphäre samt Ledergestühl und Lederlenkrad.

Alles in allem macht der NP300 den Eindruck eines „schweren Wagens“ und man traut dem 3,0-Tonner nicht nur die eine Tonne Nutzlast problemlos zu, sondern auch, dass er die 3,5 Tonnen Anhängelast klaglos schultert. Dass auf der ebenso gut verarbeiteten, zweckmäßig mit Hahnentritt-Aluboden verschalten Ladefläche genug Platz zumindest für eine Euro-Palette bleibt, verdankt der NP300 allerdings vor allem seiner üppigen Länge von 5,33 Meter - die Breite zwischen den recht wuchtigen Radhäusern bleibt unter 1,20 Meter, anders als beim Referenz-Pickup Amarok übrigens. Eine Single-Cab für rein gewerbliche Zwecke wie bei Amarok oder Hilux verfügbar, sucht man vergebens, nutzwertigste Version ist also die sogenannte King-Cab mit verlängertem Fahrerhaus, die es auf 1,78 Meter Ladelänge bringt. Beim getesteten Double Cab bleiben 1,58 Meter Ladelänge. Immerhin lässt sich die Fracht per Zurrschienen und soliden Zurrösen seriös sichern. Und damit macht der Nissan klar: Er will nicht nur (in der Freizeit) spielen, sondern (im Gewerbealltag) einen Job erledigen.

Bildergalerie Nissan Np300 Navara

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