ONO Whitepaper: Urbaner Kombiverkehr mit Tram und Cargobike

Lastenradhersteller und Partner zeigen Konzept für urbanen Kombi-Verkehr mit E-Cargobikes und Tram alternativ zur Lkw und Van und sehen die Zeit reif. Auch E-Transporter lösten das Platzproblem nicht.

Tram, Hub, Bike: Mit diesem Dreiklang will Onomotion die City-Logistik revolutionieren. | Foto: Onomotion
Tram, Hub, Bike: Mit diesem Dreiklang will Onomotion die City-Logistik revolutionieren. | Foto: Onomotion
Johannes Reichel

Das Berliner E-Cargobike-Start-up-Unternehmen Onomotion hat ein Whitepaper für neue Konzepte in der City-Distribution vorgestellt. Die Autoren der Studie, die in Zusammenarbeit mit Porsche Consulting, EIT InnoEnergy, der Hörmann Gruppe, EURA, Hermes Germany GmbH und dem Research Lab for Urban Transport der Frankfurter University of Applied Sciences entsand, kombinieren dabei Straße und Schiene, ohne in der Stadt auf Lkw oder Transporter zurückgreifen zu müssen. Dieser stünde wie die zahlreichen Pkw des MIV auch im Stau so die Argumentation.

Das derzeitige System einer einstufigen Logistikkette aus dem Umschlaglager bis zum Endkunden habe zahlreiche Nachteile wie die hohe Emissions- und Geräuschbelastung und der Platzbedarf, führte Martin Jambo von Porsche Consulting aus. Eine Tram sei raumeffizient, benötige relativ wenig Infrastruktur und sei emissionsfrei zu betreiben. Man könne zudem die Nebenzeiten nutzen und Doppelungen mit Bushaltestellen vermeiden.

Machbarkeit bewiesen - jetzt gilt es zu machen!

Ein ähnliches Konzept war bereits auf der Hypermotion in Frankfurt 2019 präsentiert worden, wo man in einem Pilotprojekt positive Erfahrungen sammelte, aber letztlich auf die Kommune und deren Willen zur Realisierung verwies. Das gilt auch jetzt wieder: Man habe den Nachweis der Machbarkeit erbracht, jetzt gehe es darum, Partnerkommunen zu finden, die das Konzept umsetzten, erklärte Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport, der auch das Frankfurter Pilotprojekt betreute, jetzt bei einem Webinar zur Vorstellung des Whitepapers. Wobei er nicht verschwieg, dass es für die Umsetzung der Anschubfinanzierung bedürfe, wie üblich bei neuen Technologien oder Lösungen. Er sieht die Lösung auch nicht zwingend nur für den KEP-Bereich als plausibel an, sondern gerade auch für Handwerks- oder Filialbetriebe wie Bäckereien.

Übersee-Container reloaded: Standardisierung als "A und O"

Dabei spielen standardisierte Container eine Schlüsselrolle, ähnlich den Überseecontainern, aber in einer kompakten City-Variante, wie es heißt. Zudem bräuchte es für eine effiziente Umsetzung dediziert entwickelte Cargo-Trams, die über entsprechende Ausstattung verfügten, wie etwa Rolltore, angepasste Einstiege oder Schienensysteme zur Ladungssicherung. Am Beispiel von Frankfurt am Main berechneten die Autoren, dass mithilfe dieser intermodalen Lieferkette bis zu 80 Prozent der innerstädtischen Lieferungen realisiert werden könnten. Derzeit würden Transporter mehr wie mobile Depots genutzt und wiesen bei hohem Raumbedarf nur etwa 20 Prozent "Bewegungszeit" auf, skizzierte Schocke weiter.

"Die Zeit ist reif für intermodale Konzepte", findet Schocke.

Per Tram zum Hub am Stadtrand, per Bike weiter

Ausgangspunkt der urbanen Supply Chain ist der Umschlag der Ware in einem City-Hub am Stadtrand und der Weitertransport in standardisierten, kompakten und rollbaren City-Containern mit Schienenfahrzeugen wie Straßenbahnen oder S- und U-Bahnen bis zu einer Haltestelle in der Innenstadt. Von dort aus übernehmen E-Cargobikes von ONO die andockbaren Container zur Feinverteilung an die Empfänger. Bei gleichbleibenden Kosten würden Logistikdienstleister mit dieser alternativen Zustellung die CO2-Emissionen um knapp 64 Prozent reduzieren, die Effektivität der Zustellung steigern und die Straßen entlasten, plädieren die Studienmacher.

„Selbst mit emissionsfreien Elektrofahrzeugen lösen wir den Verkehrsstau in den Städten nicht. Mit der Cargo-Tram und einer integrierten Lastenradbelieferung wird eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Alternative geboten, die viel Potential hat“, wirbt Professor Dr. Kai-Oliver Schocke, Direktor des Research Lab for Urban Transport, der auch das Frankfurter Pilotprojekt betreute.

Für Jennifer Dungs, Head of Mobility bei EIT InnoEnergy stößt die "autozentrierte urbane Transportinfrastruktu" zunehmend an ihre Grenzen. Die Zukunft der urbanen Logistik gehöre daher Konzepten wie dem hier vorgestellten, bei dem Schiene und völlig neue Fahrzeugtypen für die ,letzte Meile‘ effizient und nachhaltig ineinandergreifen, glaubt die Mobilitätsexpertin. Die standardisierten Container können den Lieferweg spürbar vereinfachen, da sie über den gesamten Weg verwendet würden.

"Zusätzlich ermöglicht die Nutzung moderner Track- und Trace- Kommunikationssysteme eine schnelle Ortung, Überwachung und Abwicklung“, erklärt Onomotion-Geschäftsführer Beres Seelbach.

Sein Unternehmen mit dem PAT (Pedal Assistet Transporter) ein den Anforderungen entsprechendes dreirädriges E-Cargobike entwickelt hat und seit kurzem vertreibt. An den innerstädtischen Haltestellen wären bei "just in sequence"-optimierter Supply Chain somit nur kleine Pufferflächen notwendig, um die Container kurz zwischen zu lagern, skizziert man die Idee weiter. Das optimiere die Betriebsabläufe der Straßenbahnen und E-Lastenräder. Die Containertransporte könnten in den Fahrplan der Verkehrsbetriebe integriert werden oder als Einzelfahrten organisiert werden, was ein höheres Transportvolumen garantieren würde, so das Ideal.

Standardisierte Container ermöglichen und beschleunigen intermodale Verkehre

Dass die Verteilung des Güterverkehrs auf mehrere Verkehrsträger Potenzial habe, zeige der weltweite Handel seit Jahrzehnten, in dem standardisierte Container intermodale Verkehre erst ermöglichten und dann beschleunigten, argumentier man. Die Autoren zeigen am Beispiel Frankfurt am Main mit einem Frachtvolumen von 14.500 täglichen Paketen in den innerstädtischen Bezirken, dass 80 Prozent, also rund 11.600 Pakete, per Cargo-Tram und E-Lastenrad ausgeliefert werden könnten. Nur noch 20 Prozent oder rund 2.900 Lieferungen müssten demnach aufgrund der Größe und des Gewichts auf dem traditionellen Weg zugestellt werden, so die Prognose.

Verkehrsentlastung, Emissionsreduktion und Kostensenkung

Der große Vorteil einer solchen hybriden Lieferkette liegt neben der Verkehrsentlastung auf den Straßen in der Minderung der CO2-Emissionen. Die beispielhafte Menge von 14.500 Paketen im innerstädtischen Raum verursache in der Kombination aus mehreren Verkehrsträgern mit den standardisierten Containern lediglich 1,1 Tonnen CO2, so die Berechnung, im Vergleich zum einstufigen Transportweg per Lkw oder Transporter eine Einsparung von knapp 64 Prozent.

Gleichzeitig sei dieser Weg mit 27,62 Euro pro Kubikmeter im Vergleich zum herkömmlichen Transportweg mindestens kostengleich, wenn nicht kostengünstiger, wobei man die Kosten für die 350 m²-Microdepots zu ortsüblichen Mieten schon mit einberechnet habe, wie einer der Autoren betont. Dies macht ihn neben der KEP-Branche auch attraktiv für stationäre Einzelhändler, Kommunen sowie den Lebensmitteleinzelhandel, der Lieferungen an die Haustür (eGrocery), anbietet. Auch Verkehrsbetriebe könnten vom Prinzip der Cargo Tram profitieren, indem sie bei einer Mischnutzung die Kapazitäten einer Straßenbahn komplett auslasten und Leerfahrten ausschließen könnten, wirbt man weiter für das Modell.

E-Cargobikes übernehmen die "Letzte Meile"

In dem Modell würden die E-Cargobikes die „letzte Meile“ von der Haltestelle zum Kunden übernehmen. Diese böten die Vorteile eines schnellen, schmalen und wendigen Lastenrades, kombiniert mit einem Ladevolumen von zwei Kubikmetern und maximal 220 Kilogramm Nutzlast im Wechsel-Container. Die mit RFID-Schließsystem bewehrten Boxen ließen sich mit wenigen Handgriffen auf dem Chassis des Fahrzeuges andocken. Aufgrund der ebenerdigen Zuladungsmöglichkeit ist eine einfache Handhabung garantiert. Aufgrund des geringen Platzbedarfs entlastet das Fahrzeug die Straßeninfrastruktur deutlich, glauben die Berliner. Mit Doppelakku sind die Bikes für eine unterstützte Reichweite von rund 60 Kilometern gut, dann kann die Batterie getausch werden.

„Für die zukünftige City-Logistik gibt es einige gute Lösungsansätze. Um das Verkehrsaufkommen und die Emissionen allerdings nachhaltig zu senken, ist eine intermodale Lieferkette unumgänglich. Dazu ist ein gemeinsames Handeln der Industrie, des öffentlichen Dienstes und der Behörden notwendig“, fordert Seelbach.

Das gesamte Whitepaper mit Grafiken und Daten finden Sie im Anhang!

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