Power2Drive 2022: Naext N1 - doppelt nachhaltiger Elektro-Van

Der Elektro-Transporter für Öko-Pioniere: Ein Hamburger Hersteller nimmt es mit der Nachhaltigkeit sehr genau, elektrifiziert alte VW T5/T6 mit modulweise tauschbaren B-Ware-Akkus und holt die Energiespeicher nach dem Lebenszyklus ins Second-Life als Stationärspeicher zurück. 

Perfekte Verwertung: So gut es geht, die vorhandenen Ressourcen nutzen, das ist der Anspruch des Hamburger Umrüsters Naext mit seinem E-Bulli Kompensator N1, der in München als E-Camper stand. Ausgediente Akkus werden für den eigenen Pufferspeicher Hexagon verwendet.| Foto: J. Reichel
Perfekte Verwertung: So gut es geht, die vorhandenen Ressourcen nutzen, das ist der Anspruch des Hamburger Umrüsters Naext mit seinem E-Bulli Kompensator N1, der in München als E-Camper stand. Ausgediente Akkus werden für den eigenen Pufferspeicher Hexagon verwendet.| Foto: J. Reichel
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Der Seevetaler E-Umrüstspezialist Naext hat zur Power2Drive in München einen auf Elektroantrieb umgerüsteten VW T5-Camping-Bus präsentiert, der ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept umsetzt. Beim Naext Kompensator N1, der über einen unterflur verbauten 72 kWh-Akku - möglich sind künftig bis 90 kWh - verfügt, kommen von den großen Automobilherstellern ausgemusterte CATL-Akkus zum Einsatz, die allerdings voll funktionstauglich sind. Zudem setzt man auf einzeln austauschbare 18-kWh-Modulen und vom Umrüster gibt es eine neue Garantie. Diese wiesen kleine, nicht funktional relevante Fehler, etwa an der Verschalung auf, wären sonst geschreddert worden und hätten aufwändig recycelt werden müssen, wie Nick Zippel von Naext am Stand wirbt. Durch den Umbau und das Refurbishment des ausrangierten Post-Kastenwagens spart der hier als E-Camper ausgeführte E-Van 80 Prozent der Energie eines neu produzierten E-Vans ein, sprich 20.000 kWh Energie, sieben Tonnen CO2 und 60 Tonnen an Ressourcen pro Fahrzeug.

Wie die "graue Energie" bei Gebäuden

Es gehe hier ähnlich dem Konzept der "grauen Energie" bei Gebäuden um die möglichst konsequente Wiederverwertung schon vorhandener Ressourcen, meint Zippel. Das Umrüstkit wurde mit dem Know-How aus der Luftfahrtindustrie, mit 3D-Scan- und 3D-Drucktechnologie und im sogenannten "Additive Engineering" entwickelt und wird innerhalb von wenigen Tagen in alte T5- und T6-Modelle von Volkswagen verbaut. Eigenentwicklung ist im Übrigen auch das Batteriemanagementsystem und die elektronische Steuerung, wie Nick Zippel nicht ohne stolz berichtet. Der Preis soll um die 35.000 Euro betragen. Allerdings empfiehlt Zippel unabhängig davon schon auch noch ein Refurbishment des Grundfahrzeugs. Der ausgestellte E-Camper mit Aufstelldach wurde von einem Spezialhersteller mit einem modularen Ausbau versehen, auch hier komplett mit nachhaltigen Materialen wie Holz oder Lenkrädern mit wiederaufbereitetem Leder.

Soweit es geht erhalten: Handschalter für Anhängetauglichkeit

Die Reichweite des bis zu 160 km/h schnellen E-Vans beträgt bei sommerlichen Bedinungen 350 Kilometer, im Winter 250 Kilometer. Geladen wird per AC, mit bis zu 20 kW Leistung an der praktisch im Grill verbauten Ladeeinheit. Für Vortrieb an der Vorderachse sorgt ein 110-kW-Starker E-Motor mit üppigen 255 Nm Drehmoment, der im Motorraum verbaut an das vorhandene Handschaltgetriebe andockt, sodass auch die Anhängelast erhalten bleibt - ein Punkt, der dem Team aus dem Norden sehr wichtig war. Ebenso der Aspekt "second life": Denn sollten die Akku-Module mal nicht mehr genug Saft haben für den mobilen Einsatz, was man mittels "Lebenslogbuch" des Akkus überwacht, garantiert der Hersteller die Rücknahme gegen Rückvergütunt, natürlich nicht ohne Hintergedanken.

Im Second-Life dienen die Akkus als Pufferspeicher und Lader

Schließlich hört das zweite Produkt im Portfolio auf den Namen Hexagon und ist nichts anderes als ein stationärer 400-Volt-Batteriepufferspeicher und kombinierter Booster-Lader, der "skalierbar" bis zu 500 kWh fasst und mit bis zu 22 kW in AC und 64 kW in DC Energie abgibt. Der Leistungsbedarf von stationären Speichern sei 15 Mal niedriger als in mobilen Anwendungen, sodass die "Fitness" der ausgedienten und ohnehin schon zweitverwerteten Akkus bei weitem genügt.

Aussagen in diesem Video müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Auch Ford Transit soll als Umrüstkit folgen

Geplant ist als nächstes, auch für den Ford Transit einen Umrüstkit anzubieten. Ab einer Flotte von 20 Fahrzeugen "möbelt" man sogar jedes Fabrikat kostengünstig elektrisch auf, mit Partnerwerkstätten in Kooperation. Kommen soll zudem auch noch eine bidirektionale Lademöglichkeit, die man ab dem zweiten Quartal 2023 bereitstellen will. Ganz zeitgemäß ist übrigens auch die Updatefähigkeit der Fahrzeug- und der Speichersoftware, die automatisch erfolgen soll. Ebenso wie ein Konnektivitätspaket, das man in zwei "Ausbaustufen" für Flotten anbietet und mit dem der E-Bulli mit Infotainment und Office-Paket zum vernetzten Büro mutiert. Als Zielgruppe sieht man neben Privatkunden vor allem auch gewerbliche Flotten und kommunale Fuhrparks, die so deutlich günstiger als mit Neufahrzeugen in die Elektrifizierung einsteigen könnten, wie Zippel wirbt.

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