Stickoxidemissionen: Euro-6-Diesel bis zu sechsfach über dem Grenzwert

UBA-Messungen ergeben dramatisch erhöhte NOx-Werte im Realverkehr bei moderaten Temperaturen unter 20 Grad. Nur 19 Prozent der Emissionen gehen auf das Konto von Lkw. UBA-Präsidentin: "Hersteller in der Verantwortung".
Alles ist relativ: Lkw nehmen sich im Vergleich zu den Stickoxidemissionen von Diesel-Pkw fast bescheiden aus, Busse und Benziner sind fast marginal. | Foto: UBA
Alles ist relativ: Lkw nehmen sich im Vergleich zu den Stickoxidemissionen von Diesel-Pkw fast bescheiden aus, Busse und Benziner sind fast marginal. | Foto: UBA
Johannes Reichel

Das Umweltbundesamt (UBA) hat bei der Messung der Realemissionen von Stickoxid bei Diesel-Pkw massiv erhöhte Werte bei einem Großteil der Temperaturzustände in Deutschland festgestellt. Das Amt, eine Behörde des Bundes, hatte die Messungen anders als bei den Tests im Labor, bei Außentemperaturen unter 20 Grad vorgenommen. Die Hälfte der Pkw-Fahrleistungen würden bei unter 10 Grad Celsius erbracht, präzisierte das UBA. Nach den Messungen weisen sowohl 25 Diesel der Euro-6-Norm als auch 25 Diesel-Fahrzeuge der Euro-5-Norm um ein vielfaches höhere Werte auf als der Grenzwert es erlaubt. Im Durchschnitt liegen die Stickoxidemissionen mit 767 mg NOx/km noch deutlich höher als ursprüngliche angenommen (575 mg NOx/km).

Unterhalb der im Labor üblichen 20 bis 30 Grad Celsius stiegen die NOx-Emissionen mit sinkender Außentemperatur stark an, stellt das UBA fest. Am schmutzigsten seien unter Berücksichtigung dieses Temperatureffektes Euro-5-Diesel-PKW:Sie lägen bei durchschnittlich 906 mg NOx/km (403 Prozent über dem Grenzwert von 180 mg NOx/km). Bei Euro 4 sind es laut Amt durchschnittlich 674 mg NOx/km (+170 Prozent, Grenzwert: 250), bei modernen, aktuell zugelassenen Euro-6-Diesel-Pkw ohne verbindlichen „RDE-Straßentest (RDE = Real Driving Emissions)“ bei der Zulassung im Mittel 507 mg NOx/km (+534 Prozent, Grenzwert: 80). Die Hälfte der Pkw-Fahrleistung wird in Deutschland bei Temperaturen unter 10 °C erbracht.

Verkehrte Welt: Pkw deutlich schmutziger als Lkw

Damit stoßen Diesel-Pkw zugleich deutlich mehr Stickoxid aus als Lastwagen, bei denen die technisch im Prinzip identische Abgasreinigungstechnik mit SCR-Katalysatoren offenbar besser und bei den meisten Witterungszuständen funktioniert. Dies hatten bereits diverse Messungen von Umweltorganisationen nachgewiesen, zuletzt etwa hatte das ICCT eine Mercedes-Benz V-Klasse einem Mercedes-Benz Actros gegenübergestellt. Die Forscher verglichen die Daten eines 420 PS starken, mit 28 Tonnen beladenen Sattelzugs, der in einem 187-Kilometer-Realtest auf 158 Milligramm Stickoxid pro Kilometer kam. Dem stellten die Mitarbeiter des Instituts die Emissionen einer Mercedes-Benz-V-Klasse bei Messfahrten des Kraftfahrtbundesamts im Realbetrieb gegenüber. Dabei emittierte der mit dem Transporter Vito baugleiche Van mit einem 190-PS-Sechzylinder-Diesel-Motor der Euro-6-Norm mit SCR-Abgasreinigung 300 bis 500 Milligramm pro Kilometer.

Generell ermittelte das UBA einmal mehr, dass der Großteil der Stickoxidemissionen im Straßenverkehr mit fast drei Vierteln (72,5 Prozent) auf das Konto von Diesel-Pkw gehen. Nur 19 Prozent der Stickoxide stammen von Lkw. „Die Luft in den Städten muss sauber werden. Ich sehe hier ganz klar die Autoindustrie in der Verantwortung, die eine Lösung anbieten muss, welche Verbraucherinnen und Verbraucher nicht belastet", appellierte UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Zu den Modellen und Fabrikaten, die das UBA gemessen hat, wurden keine spezifischen Angaben gemacht, auch etwa, ob leichte Nutzfahrzeuge mit im Messportfolio waren. Es habe sich um Fahrzeuge der Gattungen vom Kleinwagen bis zum SUV gehandelt, so die Aussage des UBA.

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