Trends 2022: Sind AR, VR und Digital Twin die Zukunft?

In einem Expertenbeitrag erklärt Axel Schmidt, Senior Communications Manager bei ProGlove, welchen Technologien im kommenden Jahr Chancen bieten.

Wearables können helfen, den Faktor Menschen in den Digital Twin des Lagers einzubinden. | Bild: ProGlove
Wearables können helfen, den Faktor Menschen in den Digital Twin des Lagers einzubinden. | Bild: ProGlove
Tobias Schweikl

Das Jahr 2021 geht dem Ende entgegen und wir blicken auf ein ereignisreiches Jahr zurück. Auch und gerade in der Logistikbranche. Lieferengpässe bestimmen beinahe überall den Alltag. Der E-Commerce eilt zu immer neuen Höhen. Doch bei der Digitalisierung bleibt in vielen Produktions- und Lagerhallen noch Luft nach oben. Was aber können wir im Jahr 2022 erwarten? Technologien wie AR, VR und Digital Twins bieten Chancen, die es zu nutzen gilt.

Der Einsatz von Virtual Reality ist mittlerweile nichts wirklich Neues mehr. Mithilfe dieser Technologie kann man einen virtueller Raum erzeugen, der erstmal wenig mit der Realität zu tun hat. In der B2B Industrie wird so hauptsächlich Prototyping betrieben oder neue Umgebungen in Produktionsstätten abgebildet. Mithilfe von Virtual Reality (VR)-Brillen kann der Nutzer diesen Raum sehen, sich in ihm bewegen oder sogar verändern. Die Brille sendet bestimmte Signale an das Gehirn des Nutzers, welcher den Raum deshalb als 3D Realität wahrnimmt. So werden auch in der Industrieproduktion alltägliche Situation, mit denen Mitarbeiter konfrontiert werden, abgebildet und durchgespielt.

Besonders im Hinblick auf Veränderungen in internen Prozessen oder dem Einarbeiten von neuen Mitarbeitern, kann diese Technologie helfen. Diese lernen neue Arbeitssituationen über die VR-Brille kennen und können sich so mit der neuen Umgebung vertraut machen Das hilft außerdem Prozesse zu meistern und Fehler zu vermeiden.

Erleichterung im Arbeitsalltag durch Augmented Reality

Im Gegensatz zu VR-Technologien funktioniert Augmented Reality (AR) zwar ebenfalls überwiegend visuell, jedoch werden dem Nutzer durch eine AR-Brille oder einem externen Display weitere Informationen eingeblendet. Diese helfen Anwendern beispielsweise bei komplexen Aufgaben, indem die einzelnen Schritte digital in ihr Sichtfeld projiziert wird. Mithilfe von Sprache, Knöpfen, Eye-Tracking oder Gesten lassen sich AR Displays steuern. Das trifft zum Beispiel auf die HoloLens von Microsoft zu. Dieses bietet dem Mitarbeiter eine wichtige Hilfestellung im Arbeitsalltag.

So betrachtet, steht zu erwarten, dass AR im Jahr 2022 weiteren Boden gut machen könnte – und zwar durchaus auch in der Logistik- und Prozessindustrie. Denn sie vereinfacht und beschleunigt komplexe Arbeitsabläufe. Aus naheliegenden Gründen bieten sowohl VR als auch AR erhebliches Potenzial in Sachen Schulungen und Simulationen.

Der Human Digital Twin als Krönung der virtuellen Produktion

Gemeinsam ist all diesen Modellen, dass sie ein virtuelles Bild schaffen. Der Digital Twin treibt diesen Gedanken jedoch ein Stück weiter. Die Idee: Ein virtuelles Pendant zu einem physischen Objekt schaffen. Seinen digitalen Zwilling eben! Zum Beispiel auch um mithilfe von virtueller Produktion verschiedene Szenarien risikolos durchspielen zu können. Auf dieser Grundlage kann man Vorhersagen treffen, aber auch Antwortszenarien entwickeln. Das verbessert sowohl die Effizienz der Prozesse als auch deren Panbarkeit. Mithilfe verschiedener Technologien – zum Beispiel 3D-Visualisierung – lassen sich bestimmte Umstände in den Produktionshallen darstellen, aber auch Gefahren für Mitarbeiter erkennen und ausschließen. Ebenso ist es durch sie möglich, Fehler oder schwerfällige Prozesse zu erkennen, um diese gezielt zu vermeiden oder zu optimieren. Darüber hinaus kann man aktuelle Daten auslesen oder ein virtuelles Bild und Modell der Arbeitsabläufe erstellen. Dieses Zusammenspiel von Mensch und Technologie ist essenziell für einen akkuraten Prozessablauf in der Systemlogik. Das macht es zu einem wichtigen Punkt auf dem Weg hin zu mehr Effizienz und Entlastung. Diese Techniken dürften deshalb auch im kommenden Jahr eine sehr wichtige Rolle spielen.

Doch diese letztlich nur auf einer funktionierenden IT-Infrastruktur basierende Idee, vernachlässigt einen wichtigen Faktor, wenn nicht sogar den wichtigsten: den Menschen. Gerade wenn man über Technologie spricht, muss man sich verdeutlichen: Es mangelt allenthalben an Facharbeitern. Die Pandemie und der damit einhergehende E-Commerce Boom haben die Lage eher noch prekärer gemacht. Umso mehr, weil viele ältere Arbeitnehmer nach den anfänglichen Turbulenzen gar nicht mehr in das Heer der Berufstätigen zurückgekehrt sind, sondern sich komplett in den Ruhestand verabschiedet haben. Auch Prognosen im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung geben da eher Grund zur Sorge: die meisten westlichen Gesellschaft altern, der Nachwuchs fehlt.

Eben deshalb gehört der Mensch in den Mittelpunkt. Vor allen Dingen benötigen wir Technologie, die das unterstützt und die den Menschen unterstützt. Und damit nicht genug! Auch der Mensch braucht einen digitalen Zwilling, den Human Digital Twin. Im ersten Schritt erfordert das Mittel und Wege, um einzelne Arbeitsschritte aufzuzeichnen und anschließend zu analysieren. Als Mittel zum Zweck können hier beispielsweise industrielle Wearables fungieren, wie zum Beispiel ein smarter Handschuhscanner. Diesen trägt der Mitarbeiter ständig bei sich. Somit können sie damit wichtige Daten sammeln. Zum Beispiel über Laufwege, Scanvorgänge und andere Prozesse. Diese Informationen lassen sich auch mit anderen Systemen teilen. Der Charme dieses Ansatzes besteht darin, dass man auf dieser Basis Modelle erstellen kann, die die wirkliche Geschichte der Lagerhallen darstellen. Und eben diese Sicht ist bislang noch eher unterrepräsentiert. Es wird Zeit, dass sich das Ende. Warum nicht schon in 2022?

Ein solches System muss dabei natürlich datenschutzrechtlichen Grundsätzen entsprechen. Sprich: Es soll nicht zum Überwachungssystem mutieren, sondern konkrete Hilfestellungen bieten. Besonders für die Beschäftigten in der Logistik, die sich jeden Tag einer physisch überaus herausfordernden Tätigkeit stellen müssen, ist das notwendig. Deshalb muss man es mit Sensibilität und Transparenz einführen. In letzter Instanz geht es hier nicht um personalisierte, sondern um aggregierte, anonymisierte Daten, aus denen man Muster und maßgebliche Entwicklungen erkennen kann.

Trend und Ausblick auf 2022

Innovation wird auch im Jahr 2022 der Taktgeber für die Logistikbranche bleiben. Unabhängig davon stellt sich die Gretchenfrage: Wie kann es am besten gelingen, die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine zu fördern. Dazu braucht es in erster Linie ein sinnvolles Fortschreiten der Digitalisierung, die den Werker mitnimmt, ihn auch an das Internet der Dinge anbindet. In 2022 wird es maßgeblich darum gehen, die Entfremdung zwischen Mensch und Technologie zu überwinden. Es muss um Verbindung, nicht mehr um feindselige Gegenüberstellung gehen. Ohne Technologie wird es nicht gehen: Sie unterstützt, entlastet und eröffnet neue Chance. Aber ohne den Menschen wird es genauso wenig gehen: Seine Intuition, Spontaneität und Lernfähigkeit sind zwingend erforderlich. Es geht also um ein Miteinander. Genau das muss in die Köpfe. Am besten so früh wie möglich in 2022!

Autor:
Axel Schmidt ist Senior Communications Manager bei ProGlove.

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