Volkswagen: Rochaden und Investitionen in Elektro und Digital

Die Sitzung des Aufsichtsrats bestätigt Konzern-Chef Diess, der sich aber primär um Digitalisierung kümmern soll. Die Elektrifizierung wird an den Standorten fixiert, die Mittel stark aufgestockt, auch im Nfz-Werk Hannover.

Die Kurve gekriegt in Wolfsburg: Trotz aller brodelnden Gerüchte um eine Ablösung von Herbert Diess (Mitte), fand man doch eine "gesichtswahrende" Lösung zwischen Aufsichtsrat Pötsch und Betriebsratschefin Cavallo (rechts). | Foto: Volkswagen
Die Kurve gekriegt in Wolfsburg: Trotz aller brodelnden Gerüchte um eine Ablösung von Herbert Diess (Mitte), fand man doch eine "gesichtswahrende" Lösung zwischen Aufsichtsrat Pötsch und Betriebsratschefin Cavallo (rechts). | Foto: Volkswagen
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Im Rahmen der Planungsrunde 70 hat der Volkswagen Konzern die weitere Elektrifizierung seiner europäischen Standorte beschlossen. Ziel ist es, bis 2025 Marktführer bei der Elektromobilität zu werden. Damit treibt der Konzern die Umsetzung seiner sogenannten "NEW AUTO"-Strategie voran. Der Konzern- und Produktionsstandort in Wolfsburg soll dabei transformiert und die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns durch höhere Investitionen in Zukunftstechnologien weiter gestärkt werden. Erstmals machen die Zukunftsinvestitionen, primär in E-Mobilität und Digitalisierung, mit 89 Milliarden Euro beziehungsweise 56 Prozent, den größten Anteil der Gesamtinvestitionen von 159 Milliarden Euro aus, betonen die Wolfsburger.

2026 jedes vierte Fahrzeug elektrisch

Man erwartet, dass jedes vierte verkaufte Fahrzeug im Jahr 2026 einen batterieelektrischen Antrieb hat. Der bisherige Konzernchef Herbert Diess bleibt an der Spitze, soll sich aber verstärkt um die zweite große Transformation, die Digitalisierung und Softwarethemen kümmern. Er gibt die Leitung des China-Geschäfts an den bisherigen VW-Markenchef Ralf Brandstätter ab, der in den Konzernvorstand aufsteigt. Für die Marke VW übernimmt der Skoda-Chef Markus Schäfer.

„Die Beschlüsse zeigen, mit welcher Vehemenz wir die Transformation des Volkswagen Konzerns vorantreiben. Dabei fokussieren wir uns mit unseren Investitionen auf alle wesentlichen Zukunftsfelder der Mobilität. Unsere finanziell ausgesprochen robuste und solide Ausgangsbasis ermöglicht es uns, die notwendigen Investitionen aus eigener Kraft zu stemmen“, proklamierte der Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG, Hans-Dieter Pötsch.

Elektrifizierung von weiteren europäischen Standorten

Mit der umfassenden Elektrifizierung der europäischen Standorte will der Konzern weitere Synergien heben und Skaleneffekte nutzen. Allein an den niedersächsischen Standorten investiert der Konzern rund 21 Milliarden Euro, der überwiegende Anteil in Produktions- und Komponentenstandorte. Hannover soll mittelfristig vollständig elektrisch werden. Mit dem ersten Artemis-Fahrzeug werde das derzeit bedeutendste Zukunftsprojekt in Hannover angesiedelt, die Karosseriefertigung für ein neues Bentley-Modell wurde ebenfalls bestätigt. Außerdem wurde mit dem ID. California ein weiteres Fahrzeugderivat für den Standort verabschiedet.

Mit den MOIA-Shuttles und dem ID. BUZZ AD bildet der Standort darüber hinaus die "Speerspitze" für das Autonome Fahren im Konzern. Für Wolfsburg wurde die Elektrifizierung des Standortes mit dem Projekt Trinity bestätigt. Außerdem ist angesichts der hohen Nachfrage nach E-Autos die Einrüstung des ID.3 für eine Vollfertigung ab dem Jahr 2024 geplant, deren Wirtschaftlichkeit durch ein Standortpaket sichergestellt werden soll. Vor 2024 ist eine Teilfertigung mit Belieferung aus Zwickau vorgesehen.

Zusätzliches Volumen bedienen

Mit diesem Plan will das Unternehmen zusätzliches Marktvolumen bedienen, das Zwickau alleine angesichts langfristig guter Auslastungsprognosen nicht erfüllen könnte. Die deutschen Komponentenwerke setzen ihre 2015 eingeleitete Transformation hin zur E-Mobilität fort. Der Standort Hannover soll künftig neben Hardware für Ladeinfrastruktur auch Achsen für MEB-Modelle fertigen.

In Braunschweig, Salzgitter und Kassel investiert der Konzern in den weiteren Ausbau der bestehenden MEB-Fertigung von Batteriesystem, Rotor/Stator und E-Motor. Zusätzlich bereiten sich die Standorte bereits auf die Fertigung wesentlicher Komponenten der SSP-Plattform vor. Damit macht Volkswagen den nächsten Schritt bei seiner strategischen Weiterentwicklung zum Schlüsselanbieter für E-Module und E-Plattformen.

Salzgitter wird zum Batterie-Hub

Der Standort Salzgitter wird weiter zum europäischen Batterie-Hub ausgebaut: Der Konzern investiert rund 2 Milliarden Euro, um ab 2025 in seiner niedersächsischen Gigafabrik Batteriezellen für das Volumensegment der Volkswagen Einheitszelle zu produzieren. Darüber hinaus werden Entwicklung, Planung und Produktionssteuerung der Batterieaktivitäten in Salzgitter gebündelt. Hierfür hat der Aufsichtsrat die Gründung einer Gesellschaft europäischen Rechts genehmigt. Diese werde die batteriebezogenen Aktivitäten des Konzerns bündeln und perspektivisch die Beteiligung Dritter ermöglichen. Die neue Gesellschaft werde auch die in dieser Woche vereinbarten strategischen Partnerschaften mit Umicore, 24M und Vulcan Energy verantworten, kündigte man an. Für den Standort Osnabrück wurde vereinbart ein künftiges Produktionsprogramm und für Dresden ein Nachnutzungskonzept in der Planungsrunde 71 zu prüfen.

„89 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren allein in Zukunftstechnologien wie Elektromobilität und Digitalisierung – das ist ein deutliches Commitment. Dass 21 Milliarden Euro in die niedersächsischen Standorte in Wolfsburg, Hannover, Braunschweig, Salzgitter, Osnabrück und Emden fließen, ist einmal mehr ein Zeichen, dass der Weltkonzern Volkswagen sich zu seinen niedersächsischen Wurzeln bekennt“, kommentierte der niedersächsische Ministerpräsident und Aufsichtsrat der Volkswagen AG, Stephan Weil.

Zwei Porsche-Modelle in Leipzig nutzen Synergien

Darüber hinaus plant der Konzern weitere Investitionen in die E-Mobilität in Deutschland und Europa: In Leipzig werden mit zwei Porsche-Modellen die Synergien des elektrischen PPE-Baukastens für den Premiumbereich gehoben. Zur Elektrifizierung des Standortes Neckarsulm wurde die Einrüstung der Audi Fahrzeugfamilie E6 in der Nachfolgergeneration beschlossen. Das schon heute vollständig elektrifizierte Werk in Brüssel erhält ab dem Jahr 2026 den neuen Audi Q8 e-tron. Auf der iberischen Halbinsel ist geplant ab 2025 im Mehrmarkenwerk Martorell kompakte E-Fahrzeuge zu bauen und im Mehrmarkenwerk in Pamplona E-Fahrzeuge der SUV-Klasse. Die endgültige Entscheidung hängt von den allgemeinen Rahmenbedingungen und der staatlichen Förderung ab.

Transformation Wolfsburg – Vision für 2030 vereinbart

Das Projekt Trinity wurde für den Standort Wolfsburg bestätigt und eine Prüfung weiterer Derivate im Rahmen der nächsten Planungsrunde beschlossen.

„Mit den Beschlüssen der Planungsrunde beweist unser Konzern erneut, dass bei uns konsequente Transformation und nachhaltige Perspektiven für die Beschäftigungssicherung Hand in Hand gehen. Die Ergebnisse für unsere Kolleginnen und Kollegen an den weltweiten Standorten, in den Marken und Gesellschaften stärken unseren gemeinsam fortgesetzten Kurs. Als Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat bewerten wir die Vorhaben der Planungsrunde ausdrücklich als genau den richtigen Plan in diesen höchst unsicheren Zeiten: Volkswagen liefert – und wir werden den Wandel weiterhin erfolgreich gestalten", erklärte die Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo.

 

Trinity: Ein Super-Werk für den Volks-Wagen von Morgen

Darüber hinaus stellte der Vorstand Pläne für einen weit reichenden Umbau des Standorts bis 2030 vor. Mit dem Projekt Trinity, für das eine Fabrik außerhalb des jetzigen Werksgeländes in Betracht gezogen wird, soll ein innovatives und wettbewerbsfähiges batterie-elektrisches und Level 4-fähiges Auto der nächsten Generation entstehen und gleichzeitig die Fertigung zukunftsfähig aufgestellt werden. Bis 2030 ist geplant, eine zweite moderne E-Fertigung auf dem jetzigen Werksgelände aufzubauen. Ergänzt wird der Standort durch das modernste Forschungs- und Entwicklungszentrum in Europa, den Campus Sandkamp.

„Volkswagen wandelt sich vom klassischen Automobilhersteller zum vertikal integrierten Konzern mit starken Markengruppen und weltweit führenden Technologieplattformen. Als traditioneller Stammsitz spielt Wolfsburg eine zentrale Rolle in der Transformation, nur wenn Wolfsburg erfolgreich ist, können wir unsere starke Position langfristig absichern. Unser Ziel ist ein international zukunftsfähiger Standort mit effizienter Konzernsteuerung, zwei E-Fertigungen, einem hoch modernen Forschungs- und Entwicklungszentrum und dem Auf- und Ausbau weiterer Zukunftsfelder“, erklärte CEO Herbert Diess. 

Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns sieht man gestärkt

Mit der aktualisierten Fünf-Jahresplanung hat der Konzern auch den Pfad zur Erreichung seiner strategischen Finanzziele im Rahmen der Strategie klar definiert. Damit solle die Wettbewerbsfähigkeit deutlich gestärkt werden. Strategisches Ziel für 2025/2026 ist eine operative Konzern-Umsatzrendite in einer Bandbreite von 8 bis 9 Prozent. Gleichzeitig soll der Anteil der Sachinvestitionen & Entwicklungskosten am Umsatz im Automobilbereich auf rund 11 Prozent gesenkt werden. Der bereinigte Netto-Cashflow im Automobilbereich (vor M&A und Diesel-Abflüssen) soll in 2025/2026 mehr als 15 Milliarden Euro pro Jahr betragen, präzisierte man.

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