Volkswagen tauscht Leitung bei Nutzfahrzeugen und Traton aus

Rochaden an der Spitze der Nutzfahrzeuge: Bei Traton löst Matthias Gründler den bisherigen Antreiber Andreas Renschler ab. Und Thomas Sedran muss bei VW Nutzfahrzeuge Platz machen für Carsten Intra.

Folgt bei VW Nutzfahrzeuge auf Thomas Sedran: Der bisherige TRATON-Personalvorstand Carsten Intra. | Foto: VWN
Folgt bei VW Nutzfahrzeuge auf Thomas Sedran: Der bisherige TRATON-Personalvorstand Carsten Intra. | Foto: VWN
Johannes Reichel

Der Volkswagen-Konzern hat eine umfangreiche Umstrukturierung an der Spitze der Nutzfahrzeugbereiche Traton SE sowie VW Nutzfahrzeuge bekannt gegeben. Über einen solchen Schritt war zuvor schon vom Manager Magazin spekuliert worden. Bei der Traton SE verlässt überraschend der langjährige Chef und Antreiber der Abspaltung sowie des Börsengangs Andreas Renschler das Haus, in gegenseitigem Einvernehmen, wie es heißt - und zwar bereits zum 15. Juli 2020. Ihn löst an der Spitze Matthias Gründler ab, der bis Mai 2018 als Finanzvorstand bei dem Nutzfahrzeughersteller mit den Marken MAN, Scania und Volkswagen Caminhões e Ônibus war und nun ins Unternehmen zurückkehrt.

Darüber hinaus folgt Andreas Tostmann, der derzeit als Markenvorstand bei Volkswagen Pkw für Produktion und Logistik tätig ist, auf Joachim Drees, der ebenfalls zum 15. Juli 2020, aber "im besten gegenseitigen Einvernehmen" aus dem Vorstand ausscheidet. Der im Konzernvorstand bisher von Renschler verantwortete Geschäftsbereich Truck & Bus werde künftig von Personalvorstand Gunnar Kilian verantwortet, analog zur Handhabung etwa der Themen Produktion und Vertrieb oder Bereiche wie Volkswagen Financial Services und Volkswagen Pkw, wie der Konzern mitteilte.

"Mit Matthias Gründler als Nachfolger haben wir einen der erfahrensten Kenner der Branche gewinnen können. Er kennt das Unternehmen zudem aus jahrelanger Erfahrung und hat ebenfalls maßgeblich am Aufbau des Unternehmens mitgearbeitet. Diesen eingeschlagenen Weg wird er nun an vorderster Front mit dem gesamten Traton-Team fortsetzen“, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG und Traton SE, Hans Dieter Pötsch.

Interessant ist auch, wer bei der einstigen VW-Tochter bleibt: Christian Schulz fungiert weiterhin als Traton-Vorstand, verantwortlich für Finanzen und Unternehmensentwicklung. Und Scania-Chef Henrik Henriksson setzt seine Arbeit als Vorstandsmitglied von und Chief Executive Officer Scania fort, ebenso wie TRATON Vorstand Christian Levin, der Chief Operating Officer und verantwortlich für Forschung und Entwicklung bleibt.

Intra löst Sedran bei VWN ab - nach nicht mal zwei Jahren

Der Traton-Personalvorstand Carsten Intra wiederum wechselt auf den Vorstandsvorsitz bei Volkswagen Nutzfahrzeuge und löst dort den erst seit zwei Jahren tätigen Thomas Sedran ab. Der soll die Leitung Beteiligungsmanagement Nutzfahrzeuge und Maschinenbau des Volkswagen Konzerns übernehmen und in dieser Funktion direkt an dem im Konzernvorstand zuständigen Gunnar Kilian berichten. Im Speziellen soll Sedran in dieser Funktion dem Vernehmen nach die strategische Ausrichtung der Beteiligungen des Volkswagen Konzerns im Auftrag des Konzernvorstands koordinieren.

Intra startete 2001 als Produktionsingenieur bei der damaligen MAN Nutzfahrzeuge AG, 2004 wurde ihm bereits die Leitung der zentralen Werksverbundplanung übertragen. Von 2006 an leitete Intra die Geschäftseinheit schwere Lkw. Nach weiteren Managementpositionen in der Türkei und in Brasilien übernahm Intra 2012 das Vorstandsressort Produktion & Logistik der MAN Truck & Bus AG. Seit November 2015 war er zusätzlich in Personalunion für das Ressort Forschung & Entwicklung zuständig.  Ihm folgt bei Traton Martin Rabe, bislang Leiter Organisation, HR Prozesse und IT bei MAN Truck & Bus, als Personalvorstand und Arbeitsdirektor.

Sedran leitete die Transformation ein

Sedran war 2015 von Volkswagen zum Leiter Konzern Strategie der AG berufen worden. Seit 1. September 2018 war er Vorsitzender des Markenvorstands Volkswagen Nutzfahrzeuge. Hier hat er gemeinsam mit dem Markenvorstand vor allem die Zukunftsstrategie GRIP 2025+ aufgesetzt, die die größte Transformation der Marke einleitete. Hierzu gehört die Entwicklung hin zur Elektromobilität mit dem vollelektrischen ID. BUZZ, der ab 2022 im Werk Hannover produziert wird. Die im Juni 2020 geschlossenen Kooperationsverträge mit Ford sichern darüber hinaus die Auslastungen an den VWN-Standorten. Gleichzeitig hat VWN unter Dr. Sedran im Konzern die Verantwortung für die Entwicklung des autonomen Fahrens übernommen.

„Die Weiterentwicklung des Nutzfahrzeuggeschäfts gemäß der Global-Champion-Strategie und die strategische Weiterentwicklung des Maschinenbaus sind wesentliche Zukunftsfelder des Volkswagen-Konzerns“, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Herbert Diess.

LOGISTRA-Kommentar:

Es hat schon fast (ungute) Tradition im Volkswagen-Konzern: Wenn es irgendwie nicht so richtig läuft (also top), wird gerne das Spitzenpersonal durchgetauscht. Wer hier einen Posten übernimmt, weiß, das ist nur ein Amt auf Zeit. Dass bei MAN ein Wechsel anstehen könnte, weil die Umstrukturierung stockt und die Integration der Marken Scania und MAN weiterhin holpert, darüber war schon spekuliert worden, auch über eine Ablösung des redlich um die Umstrukturierung bemühten, aber letztlich aus diversen, nicht zwingend von ihm zu verantwortenden Gründen glücklosen Joachim Drees. Dass es aber auch den erst vor zwei Jahren statt des langjährigen und verdienten VW-Managers Eckhard Scholz beförderten Thomas Sedran, obgleich ein ziemlicher Quereinsteiger im VW-Konzern, trifft, kommt doch überraschend.

Er hatte die Kooperation mit Ford maßgeblich vorangetrieben und die "Transformation" auf elektromobile Zeiten konsequent organisiert. Vor den hohen Belastungen durch CO2-Kosten hatte Sedran gewarnt, ebenso vor einem Gewinneinbruch. Generell erfreuten sich die Vans der Marke aber weiterhin hoher Beliebtheit und die Sparte verzeichnete auch in der Krise, nicht zuletzt dank eines Booms bei Wohnmobilen, solide Verkaufszahlen. Doch diese unter den gegebenen Bedingungen sehenswerte Performance scheint VW-Konzernboss Diess alles nicht genügt zu haben. Jetzt darf Carsten Intra, ebenfalls ein verdienter Mann sein Glück versuchen, im noch immer hohen Wellengang der kaum überwundenen Corona-Pandemie wahrlich keine leichte Aufgabe.

VWN als "Produktionsgesellschaft"?

VW-Konzernboss Diess sieht die traditionsreiche, fast ikonische Marke VW Nutzfahrzeuge aber wohl künftig eher als "Produktionsgesellschaft" - auch in dieser Richtung wird die Rochade gedeutet. Wobei sich das in der Kooperation mit Ford ohnehin schon abgezeichnet hatte: Klare Aufgabenteilung, City-Vans bei VW, größere Vans bei Ford, man splittet die Kompetenzen und danach wird aus dem Kooperations-Baukasten "markenspezifisch" ausdifferenziert, sprich eigenständiges Design Interieur und Exterieur.

Der originäre Markencharakter, einst speziell in Hannover gehütet wie der heilige Gral und erst untermauert durch das gigantische, noch von Martin Winterkorn forcierte "Crafter"-Projekt, das war früher mal und hat sicher nicht mehr oberste Priorität.

Erst recht nach Corona kann man sich das auch gar nicht mehr leisten. Erstes Beispiel: Der Pick-up VW Amarok hätte ohne den Griff in den Ford-Baukasten und ins Ranger-Regal erst gar keinen Nachfolger erhalten.

Zentrale Entwicklung: Renschlers Pläne stießen auf Ablehnung

Und bei Traton? Dass der Antreiber und auch nach außen präsente und in dieser Rolle sehr glaubwürdige "Ober-Trucker" Andreas Renschler sein inhaltlich durchaus stringentes "Lebenswerk" eines integrierten Nutzfahrzeugkonzerns nicht vollenden kann, ist persönlich bitter. Allerdings mag er auch von den ewigen Konzern-Querelen und Kabalen zermürbt worden sein - zuletzt hatte das Manager Magazin ihm eine gewisse "Amtsmüdigkeit" attestiert.

Jedenfalls waren seine Pläne zur Neuausrichtung der Traton-Holding samt Zentralisierung der Entwicklung und Teilentmachtung der Bosse in München und Södertälje wohl auf massiven Widerstand im eigenen Vorstand gestoßen. Drees und Henriksson sollen nach der Vorstellung der Pläne erschüttert und erzürnt gewesen sein, wird in den Medien kolportiert. Auch mit den Ergebnissen waren die VW-Konzernbosse wohl unzufrieden, die wiederum vor allem durch die anhaltende Krise bei MAN bedingt waren.

Vor allem dieser "Baustelle" wird sich Renschlers langjähriger Weggefährte und Oberstratege Gründler, der 2015 wohl auch aus "persönlichen Gründen", sprich, weil es nicht mehr so lief zwischen den beiden Managern, annehmen müssen. Scania dagegen "performte" offenbar stets nach den Vorstellungen der Wolfsburger Konzernlenker - und deshalb bleibt hier auch alles beim Alten: Man ließ nicht viel anbrennen und positionierte sich als agiler schwedischer Tech-Streber gegen das "Münchener Amt für Nutzfahrzeugbau".

Ob es nützt, mitten in den Erschütterungen der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit das Spitzenpersonal komplett zu rochieren, wird man sehen müssen.

Zu befürchten ist, dass das alte Personal geht, neues Personal kommt , die Probleme bleiben: Vor allem der schwelende Zwist zwischen MAN und Scania, den man in Krisenzeiten erst recht nicht gebrauchen kann. Bei MAN standen schon vor Corona 6.000 Jobs auf der Kippe, jetzt könnte der Kahlschlag noch größer ausfallen.

Und was nützt neues Personal, wenn keine Strategie in Sicht ist, respektive die vorhandenen Pläne in sich höchst widersprüchlich: MAN und Scania lässt sich offenbar nicht technisch "fusionieren" wie Skoda oder Seat: Gleiche Plattform, andere Hülle. Völlig eigenständig bleiben macht aber auch keinen Sinn.

Vielleicht wäre eine Entflechtung des vom Patriarchen Piech in einer ganz anderen Zeit zusammengekauften Viel-Marken-Imperiums der einfachere Weg, zumindest bei den Nutzfahrzeugen. Sonst steht zu befürchten, dass weiter viel Energie verschwendet wird, um zusammenzubringen, was nie zusammengehört hat - und vor allem auch nicht zusammengehören wollte.

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