VW forciert Autonomes Fahren: Forschung im Silicon Valley, Teststrecke in Niedersachsen

Mit dem neuen Standort im Herz der Tech-Branche will der Hersteller die autonome Fahrtechnologie zügig vorantreiben, zuerst im gewerblichen Bereich bei den Transportern. Zudem sammelt man anonymisierte Daten auf einem Abschnitt der A39.

Will ran an die Talente: Alexander Hitzinger setzt auf die Nähe zum Technologiepool im Silicon Valley. | Foto: VW
Will ran an die Talente: Alexander Hitzinger setzt auf die Nähe zum Technologiepool im Silicon Valley. | Foto: VW
Redaktion (allg.)
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Die VW-Tochter Volkswagen Autonomy GmbH (VWAT) hat angekündigt, im kalifornischen Silicon Valley ein neues Kompetenzzentrum zur Erforschung und Entwicklung autonomer Fahrzeuge eröffnen zu wollen. Das gab der Hersteller bereits auf der Consumer Electronics Show 2020 (CES) in Las Vegas bekannt. Das neue Kompetenzzentrum soll Teil einer global agierenden Konzerngesellschaft sein, um weltweit selbstfahrende Systeme zu realisieren, heißt es weiter. Schon in diesem Jahr sollen 50 bis 100 Experten für die Systemtechnik und Systemarchitektur die Arbeit aufnehmen. Die VW-Tochter will in den USA sämtliche für das Projekt relevanten Technologie-Partnerschaften des Volkswagen Konzerns nutzen. Erklärtes Ziel ist es dabei, bis zur Mitte des Jahrzehnts sollen autonome Systeme zur Marktreife zu bringen.

„Mit unserem Volkswagen Autonomy Center im Silicon Valley erschließen wir einen der weltweit größten Talentpools für autonome Technologien und vernetzen ihn mit der globalen Ausrichtung unseres Unternehmens und der Erfahrung aus acht Jahrzehnten im Automobilbau“, glaubt Alexander Hitzinger, Geschäftsführer der Volkswagen Autonomy GmbH.

Erstanwendungen im gewerblichen Transport

Man plane, die Ergebnisse dieser Arbeit in all unsere Konzernmarken zu transferieren, so Hitzinger weiter. Den Sitz wird das Kompetenzzentrum (Center of Excellence) im Innovation and Engineering Center der Volkswagen Group of America im kalifornischen Belmont nahe San Francisco haben. Die VW-Tochter-GmbH hat derzeit bereits Büros in Wolfsburg und München. Neben dem neuen Standort in Kalifornien will man zudem bald ein weiteres Kompetenzzentrum in China eröffnen. Die vier Zentren sollen im Bereich des autonomen Fahrens alle Entwicklungsarbeiten des Volkswagen Konzerns bündeln und koordinieren. Der Konzern rechnet damit, dass die ersten Anwendungen für autonome Fahrzeuge im gewerblichen Bereich verfügbar sein werden und entwickelt vor diesem Hintergrund entsprechende Seriensysteme für die Modelle von VW Nutzfahrzeuge. Denkbar sind etwa autonome Taxis oder Lieferwagen im Stile des bereits als Studie vorgestellten ID. BUZZ und CARGO mit vollelektrischem Antrieb.

Teststrecke auf der A39 sammelt Echtdaten von Verkehrsflüssen

Doch auch in heimischen Gefilden treibt der Hersteller die Entwicklung des automatisierten Fahrens voran. Unter der Bezeichnung „Testfeld Niedersachsen“ an der Autobahn 39 zwischen dem Kreuz Wolfsburg-Königslutter und Cremlingen ging vor kurzem eine sieben Kilometer lange Teststrecke zur Erfassung des Verkehrsflusses in Betrieb. Auf dem vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betriebenen Abschnitt werde mit Kameras anonymisiert das Fahrverhalten verschiedener Verkehrsteilnehmer aufgezeichnet. Der Automobilhersteller erhofft sich auf der vom Land Niedersachsen und DLR finanzierten Strecke neue Erkenntnisse für das automatisierte Fahren.

Im vergangenen Jahr hat das DLR die Erfassungstechnik entlang der Strecke installiert, mit der alle Fahrzeugpositionen gemessen werden können, um so das Verkehrsgeschehen zu erfassen. Anhand der Informationen wolle man an der Verbesserung der Software für das automatisierte Fahren arbeiten, teilte der Konzern mit. Das Testfeld sei somit eine offene Forschungs- und Entwicklungsplattform, die eine einzigartige Kombination verschiedener Test- und Erprobungsmöglichkeiten bietet, wie etwa die Simulation verschiedener Verkehrsflüsse, skizziert der Anbieter.

„Um das automatisierte Fahren zu erforschen, sind Daten aus dem Alltagsverkehr unerlässlich. Das Testfeld Niedersachsen erlaubt uns, diese nicht nur in einem völlig realen Umfeld zu erheben, sondern auch noch per Simulation zu erweitern“, meint Frank Welsch, Entwicklungsvorstand von Volkswagen.

Auf der Strecke kommunizieren Fahrzeuge mit Infrastruktur

Wie der Hersteller betont, werden die Daten auf der Strecke anonym erhoben. Man werte nur sogenannte Trajektorien aus und keine spezifischen Daten über einzelne Fahrzeuge wie etwa Kennzeichen oder das Gesicht des Fahrers. Bei den Trajektorien handelt es sich um Geraden und Kurven, die nur die Fahrzeugbewegung abbilden. Neben der Erfassungstechnik hat man auch für Entwicklungszwecke die pWLAN-Technologie installiert. Diese sorge für die direkte Kommunikation von Fahrzeugen untereinander und mit der Verkehrsinfrastruktur. Diese sogenannte „Car2X“-Technologie ist bereits im neuen Golf serienmäßig verbaut und künftig auch im ID.3.

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