Wirtschaftsweise: Deutschland droht Rezession - der Logistik noch schwerere Belastungen

Frühjahrsgutachten prognostiziert schwere Rezession der Wirtschaft. Für den Geschäftsbereich Logistik erwarten die Experten noch gravierendere Belastungen und mahnen eine Diskussion über Lockerungen an.   

Die große Frage: Wie schnell wird sich die deutsche Wirtschaft von den Auswirkungen der Corona-Pandemie erholen? | Foto: Pixabay/Gerd Altmann
Die große Frage: Wie schnell wird sich die deutsche Wirtschaft von den Auswirkungen der Corona-Pandemie erholen? | Foto: Pixabay/Gerd Altmann
Johannes Reichel
(erschienen bei LOGISTIK HEUTE von Therese Meitinger)

Die Corona-Pandemie dürfte eine schwerwiegende Rezession in Deutschland auslösen. Das ist eines der Ergebnisse des am 8. April präsentierten gemeinsamen Frühjahrsgutachtens der Wirtschaftsforschungsinstitute DIW, ifo Institut, IfW, IWH und RWI.  Die Wirtschaftsleistung wird nach ihrer Ansicht in diesem Jahr um 4,2 Prozent schrumpfen. Für das kommende Jahr sagen sie eine Erholung und ein Wachstum von 5,8 Prozent voraus.

Bereits im ersten Quartal 2020 dürfte das Bruttoinlandsprodukt laut dem Gremium um 1,9 Prozent geschrumpft sein. Im zweiten Quartal bricht es in dem Szenario dann als Folge des Shutdowns um 9,8 Prozent ein. Dies ist der stärkste je seit Beginn der Vierteljahresrechnung im Jahr 1970 gemessene Rückgang in Deutschland; er ist mehr als doppelt so groß wie jener während der Weltfinanzkrise im ersten Quartal 2009.

„Die Rezession hinterlässt deutliche Spuren auf dem Arbeitsmarkt und im Staatshaushalt“, sagt ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. „In der Spitze wird die Arbeitslosenquote in diesem Jahr auf 5,9 Prozent und die Zahl der Kurzarbeiter auf 2,4 Millionen hochschnellen.“

Im Durchschnitt sollen die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahr laut der Prognose um knapp eine Viertel Million auf 2,5 Millionen steigen.

Deutschland für Krisenbewältigung gut aufgestellt

„Deutschland bringt gute Voraussetzungen mit, den wirtschaftlichen Einbruch zu verkraften und mittelfristig wieder das wirtschaftliche Niveau zu erreichen, das sich ohne die Krise ergeben hätte“, sagt Wollmershäuser. Die günstige Finanzlage ermögliche es dem Staat, weitgehende Maßnahmen zur Abfederung der kurzfristigen negativen Folgen für Unternehmen und private Haushalte zu ergreifen, so das Expertengremium. Diese führten in diesem Jahr zu einem Rekorddefizit beim Gesamtstaat (Bund, Länder, Gemeinden, Sozialversicherung) von 159 Milliarden Euro. Der Bruttoschuldenstand des Staates soll demnach in diesem Jahr auf 70 Prozent in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt steigen.

Die mit dieser Prognose verbunden Abwärtsrisiken sind den Experten zufolge erheblich. So könnte sich die Pandemie deutlich langsamer abschwächen als angenommen. Auch das Wiederhochfahren der wirtschaftlichen Aktivität könnte schlechter gelingen und eine erneute Ansteckungswelle auslösen. Zudem könnten weitere Maßnahmen zur Infektionsbekämpfung in Kraft treten, die die Produktion länger oder in größerem Umfang stilllegen. Verwerfungen im Finanzsystem als Folge zunehmender Unternehmensinsolvenzen würden wahrscheinlicher, die durch staatliche Schutzschilde nicht verhindert werden könnten.

Logistikweisen fordern Diskussion über Lockerung

Bereits zuvor hatten sich die sogenannten "Logistikweisen", eine Initiative von Branchenexperten, in ihrem offenen Brief an die Politik besorgt über die wirtschaftlichen Verwerfungen im Zuge der Krise gezeigt. Sie forderten, die Expertendiskussion über eine Lockerung der wirtschaftlichen Beschränkungen unverzüglich aufzunehmen. Dies sei vor allem angesichts der prekären Lage vieler Unternehmen im Geschäftsfeld Logistik, der durch viele kleine und mittelständische Unternehmen mit niedriger Kapitalisierung und niedrigen Margen geprägt sei, dringend geboten. Die Unternehmen benötigten Liquidität nicht innerhalb einiger Wochen, sondern weniger Tage und hätten oftmals nicht die Ressourcen und Sicherheiten, um einen KfW-Kredit in Anspruch zu nehmen. Die Weisen mahnten eine Nachjustierung bei den Finanzhilfen an. Ihre Befürchtung:

„[D]er Wirtschaftsbereich Logistik wird aus unserer Sicht weitaus stärker in Mitleidenschaft gezogen, als der Sachverständigenrat es für die gesamte Wirtschaft prognostiziert. Aus diesem Grund sehen wir besonderen Handlungsbedarf“, heißt es in dem offenen Brief.

Sie sprachen sich für die "unverzügliche Aufnahme einer Diskussion aus, welche nachvollziehbaren Bedingungen und verständlichen Parameter für die Lockerung der Beschränkungen in Verbindung mit neuen Sicherheitsstandards für das schrittweise Hochfahren der Wirtschaft angewendet werden müssen". Der aktuelle Stillstand lasse sich nur wenige Wochen durchhalten, ohne dass erhebliche Langfristschäden insbesondere auch in der Logistik entstünden, so die Logistik-Experten. Bei dieser Forderung sei man sich sehr wohl der Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems und der ethischen Fragen im Hinblick auf höhere Risiken für bestimmte Gruppen sehr wohl bewusst, heißt es weiter in dem Brief. tm/jr

Wer sich selbst einen Eindruck über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie verschaffen möchte, kann dies etwa bei Destatis tun. Statistisch belastbare Daten stellt das Statistische Bundesamt ab sofort in einer kostenlosen Sonderseite zur Verfügung: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/_inhalt.html

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